Verantwortung abgegeben?

Kürzlich bin ich von meiner alten Heimat mit dem Zug nach Wien gefahren, um mich mit Freundinnen zu treffen. Am Bahnhof musste ich einige Minuten warten, und weil es so kalt und windig war, stellte ich mich in den gläsernen Verbau. Türen fand ich zu meiner Überraschung keine, der Verbau war links und rechts offen. Mir wurde dann erklärt, dass die Türen entfernt wurden, weil sich ein 4-jähriges Kind eingezwickt und verletzt hätte.
Im Zug wurden schon bei der Abfahrt Durchsagen gemacht: „Bitte nehmen sie Taschen zur Seite, damit neu Eingestiegene sich setzen können“, „Im Falle von Gefahr zögern sie nicht und tätigen den SOS-Knopf um mit dem Fahrer in Kontakt zu treten“ oder „Vorsicht beim Ein-und Aussteigen, zwischen Türe und Bahnsteig befindet sich ein Spalt“. Zusätzlich blinkte jedes Mal, kurz bevor die Türen sich wieder schlossen, ein grelles rotes Licht überhalb vom Eingang, welches von lautem „tütütütüüü“ begleitet wurde.
Langsam begann ich mich zu wundern. Sicherheit ist schön und gut und natürlich wichtig. Wie schlimm wäre es, würde der Zug losfahren obwohl Reisende quasi in der Tür eingeklemmt sind?!
Andererseits frage ich mich, wo da die Eigenverantwortung des Einzelnen liegt? Ich meine, ist der Großteil der Menschheit heutzutage schlicht und einfach zu blöd, selbst zu entscheiden und zu erkennen, ob und welche Gefahr in gewissen Situationen droht? Ich rede jetzt natürlich nicht von Kindern oder geistig bzw. körperlich nicht gesunden Menschen, sondern vom „normalen Durchschnittsmenschen“. Gleichzeitig frage ich mich, ob diesen Menschen auffällt, dass ihnen jegliche Verantwortung genommen wird?

Ein anderes Beispiel: meine 10jährige Nichte hat die Fahrradprüfung nicht bestanden. Sowie der Rest aus ihrer Klasse, bis auf drei Kinder. Das heißt, sie darf erst mit 12 Jahren alleine mit dem Rad den Straßenverkehr unsicher machen, anstatt mit ihren erst 10 Jahren. Der Test bestand aus 5 Seiten voller theoretischer Fragen. Sie wusste die Verkehrszeichen, konnte allerdings nicht zuordnen, ob es sich um sogenannte Verbots- oder Gebotstafeln handelt. Ist das wichtig?? Wichtig ist doch, dass sie in ihrer Ortschaft beim Stoppschild stehen bleibt oder bei der roten Ampel nicht drüber fährt. Hierbei geht es jedoch um bloße Theorie! Als ich Kind war, bestand jedes Kind die Prüfung, welches die gängigsten Verkehrszeichen und mit dem Fahrrad FAHREN konnte. Wichtig war auch das einhändige Fahren, um Handzeichen geben zu können. Meine Nichte hingegen ist in ihrem Vorbereitungskurs kein einziges Mal mit dem Fahrrad gefahren!
Jetzt könnte man ja behaupten, dass es früher viel weniger gefährlich war im Straßenverkehr und heutzutage schon so viele Autos unterwegs sind, dass eine perfekte Schulung notwendig ist. In einer Reportage habe ich allerdings erfahren (die Quelle ist mir leider nicht mehr bekannt), dass vor ca. 30 Jahren in einer Stadt in Deutschland etwa 2000 Kinder im Straßenverkehr gestorben sind, im Jahr 2010 waren es „nur“ etwa 200 Kinder, der größte Teil davon aber „unschuldig“ als Mitfahrer im Auto der Eltern. Der Verkehr im Allgemeinen ist zudem viel sicherer geworden aufgrund der vielen peniplen Verkehrsregelungen.

Warum ich all das schreibe? Weil es mir immer öfter auffällt, dass wir Menschen die Verantwortung abgeben. Entweder ganz bewusst, beispielsweise wenn wir wählen gehen, oder auch unbewusst, wenn wir durch all die Regeln, die uns regelrecht aufgezwungen werden, in unserer Freiheit beschränkt werden. Natürlich nur für unsere „Sicherheit“ und ohne dass viele es großartig merken oder sich daran stören würden. Wir werden so zu Marionetten umfunktioniert, die in der Gesellschaft funktionieren sollen und müssen. Dabei wäre es doch so wichtig, wenn jedeR Einzelne von uns anfangen würde, Verantwortung zu übernehmen und selbst zu denken. Zu dem Thema kann ich auch noch ein gutes Buch empfehlen: ‚Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand‘ von Harald Welzer.

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5 Kommentare zu “Verantwortung abgegeben?”

  1. OMG. Du sprichst mir aus der Seele. Für viele ist es schlicht der energieärmste Zustand. Ohne selbst die wichtige Verantwortung „für sich selbst“ zu übernehmen, verstofwechselt das Individuum vor sich hin. Alles ist gut. Alles ist geregelt. Und bei Unsicherheit gibt es die von dir beschriebenen Warnzeichen. Manchmal auch gut 20 nacheinander, Schilderwald an manch einer Kreuzung. Kann man sich das schickste raussuchen und bene.

    Was hilft? Mitdenken. In kleinen Dosen. Am Anfang. Weniger Konsum – am besten mit dem TV anfangen, resp. ausschalten. Und Achtsam sein. Auf sich und den Nächsten. Dann, ja – dann – braucht’s weniger pling pling. Hai!

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  2. Ich frage mich gerne mal, was der Unterschied zwischen Verantwortung und Schuld ist. Weil dadurch, dass wir Verantwortung abgeben, wollen wir ja eigentlich Schuld abgeben, oder eben gar nicht erst in die Situation kommen überhaupt schuldig sein zu können. Es ist der leichteste (scheinbar!!) Weg, den wir wählen können. Und Regeln befolgen ist einfacher, als sich seine individuellen zu gestalten.
    Andererseits denke ich zum ersten Beispiel von dir: Was solls. Gehen sie halt auf Nummer sicher und vielleicht bringt es die gehetzten Menschen vielleicht wirklich dazu, etwas achtsamer und umsichtiger zu sein.

    P.S.: Sehr schön zu lesen 🙂

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  3. Dieser Beitrag spricht mir aus der Seele. Wir leben inzwischen in einer Welt, in der der gesunde Menschenverstand abgeschafft wurde und jeder, der sich anders verhält, wird als waghalsig oder risikofreudig bezeichnet. Na vielen Dank!

    In der momentanen Welt werden wir vor so viel Gefahren beschützt, dass wir gar nicht lernen können uns wirklich zu schützen. Täglich werden wir in Nachrichten und Werbung mit allen möglichen Gefahren für Leib und Seele bombardiert, so dass man sich davor hütet überhaupt in diese Situation zu begeben. Spitzenmeldung vor ein paar Jahren war für mich zum Beispiel „Rolltreppen – Todesfalle im Einkaufszentrum“. Diese Angstmacherei geht sogar so weit, dass Kinder sich davor fürchten in einem Wald spazieren zu gehen, weil man ja auf wilde Tiere, Zecken oder giftige Pflanzen treffen kann. Mach das nicht, gehe nicht da hin, lasse das sein, wir leben laut Medien eigentlich in einer gefährlichen Zeit, in der an jeder Ecke Krankheit und Tod lauern.

    Patentrezept dagegen? Rausgehen und lernen, ob es wirklich so ist. Diese Warnungen einfach ausblenden, sonst erwartet man täglich den Weltuntergang. Meine Kinder durften wie ich früher Dreck essen, durch die Natur laufen, sich schmutzig machen, auf Bäume klettern usw., damit sie sich natürlich dann auch mal weh tun und so lernen, was wirklich zu beachten ist. Nun haben sie einen meiner Meinung nach gesunden Menschenverstand, den sie aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen auch gut einsetzen. Also raus mit euch allen, stürzt Euch ins Leben !!!

    Denn im Drang die Seinigen vor allem zu beschützen, bringen wir diese dadurch erst recht in Gefahr.

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  4. Ach ich weiß auch nicht. Zum einen sind es natürlich wir übervorsichtigen Eltern, die unsere Kinder vor allem beschützen wollen und sie dadurch ihrer Eigenverantwortung berauben (bei uns gab es gar keine Fahrradprüfung, ich kann mich auch nicht erinnern, dass mir irgendjemand Verkehrszeichen beigebracht hätte, viele habe ich erst in der Fahrschule begriffen); auf der anderen Seite hat sich unsere Lebenswelt aber auch massiv geändert. Wir wohnen heute in der Stadt in einer Wohnung ohne Garten. Das heißt es ist irgendwann eine ganz bewusste Entscheidung, die lange vorbereitet wird, wenn ich meine Kinder alleine vor die Tür lasse. Während wir als Kinder einfach irgendwann über den Gartenzaun geklettert sind und in den Wald liefen, ohne dass unsere Eltern etwas davon mitbekamen. Mit den Gefahren von Ubahnen, Zügen usw. kam ich erst als Erwachsene in Kontakt, wo ich genau beobachten konnte, wie sich andere verhalten und was es zu beachten gibt. Meine Kinder müssen das jetzt schon quasi von Beginn an leisten, weil Eltern von mehreren Geschwistern ihre Augen und Arme bekanntlich nicht überall haben können…

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  5. Viele stellen sich schon trottelig an. Muss man leider sagen. Ich fahre jeden Morgen an einer Grund- und Hauptschule vorbei. Die eine Hälfte wird von Mama oder Papa abgeliefert, die andere Hälfte geht doch noch zu Fuß, schert sich aber um nichts. Egal welches Alter. Entweder die Kopfhörer auf und die Musik wahrscheinlich schallend laut, oder einfach pure Ignoranz – da wird die Straße gequert ohne sich einmal umzublicken, mit dem Fahrrad vom Gehweg zwischen den parkenden Autos einfach raus gefahren. Die Eltern scheinen die Gleichen zu sein. Rechts vor links ist eine Regelung, die scheinbar nur Fahranfänger oder die ganz alten Hasen noch im Kopf haben, der Rest fährt einfach drauf los, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich hasse Auto fahren und seit einem mächtigen Auffahrunfall, den ich einmal produziert habe weil ich zu schnell war, bin ich lieber übervorsichtig und eher schon ängstlich. Meistens bin ich dankbar für meine Übervorsicht, was das anbelangt, wenn ich aber andere Autofahrer so beobachte, dann wird mir manchmal ganz übel.

    Aber ein bisschen den Kopf einschalten sollte man doch von allen verlangen können – allein in ihrem eigenen Interesse.

    Wobei du schon recht hast: Fahrradprüfung ohne Fahrrad fahren und nur Theoriefragen? Finde ich am Ziel vorbei. Wie sollen Kinder denn lernen wie es im Straßenverkehr zugeht, wenn sie noch nie in einer ähnlichen, wenn auch sicheren, Situation waren? Im Zweifel doch lieber Verbot als Gebot.

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