Das Werkzeug führt den Weg

Zwei Jahre ist es her, dass ich einen wirklich schönen, alten Nussbaum fällen habe lassen. Er stand in unserem steilen Garten zwischen zwei Stromleitungen und vor dem Heizraum. Es gab genau eine Fallrichtung, in der kein Schaden entstehen konnte und ich wollte damals das Risiko nicht eingehen, den prächtigen Baum sich selbst zu überlassen.

Der Stromversorger sah das genauso und hat auf seine Kosten den Baum gefällt. Wir haben anschließend über ein Jahr lang Äste klein geschnitten, Zweige zerkleinert und den Stamm in Scheiben gesägt.

Nicht selten wurde mir bewusst, welches wunderschöne Lebewesen wir vom Angesicht der Welt entfernten. Die Maserungen, die wir zu Gesicht bekamen, waren ausgefeilte Kunstwerke, ähnlich tibetischer Mandalas oder Batik-Flecken. Zumindest empfand ich dieselbe Bewunderung bei ihrem Anblick.

Als der Baum umgeschnitten wurde, zeigte sich, dass er noch viele Jahre gelebt hätte. Der Stamm war stabil, nicht hohl. Und da er im späten Herbst noch ziemlich saftig war, erfüllt er seit zwei Jahren unseren Grund mit einem nussig gewöhnungsbedürftigen Geruch.

Der Stumpf hingegen treibt immer wieder aus, Baumsaft trat aus und ein riesiges Ameisenreich hat sich bereits in ihm eingenistet, dessen Ausläufer sich in dem tönernen Buddha-Kopf – den wir dort abgestellt haben – finden lassen. Ist es die pflanzliche Mechanik oder der Überlebenskampf eines Baumriesen? Ich weiß es nicht.

Seit zwei Jahren verarbeiteten wir die Äste zu Kleinholz und mittlerwile sind nur noch die massiven Scheiben des Stammes zum Spalten übrig. Mit einer normalen Axt ist das eine kräftezehrende Aufgabe. Die wenigen dünnen Scheiben konnte ich noch aufbrechen, haben sie doch offensichtlich die Lebensdauer der großen Axt mindestens halbiert.

Mittlerweile haben wir uns ein passenderes Werkzeug zugelegt: einen 3Kg schweren Spalthammer. Das ist eine Mischung aus Vorschlaghammer und Axt. Und es wurde kein Second-Hand-Kauf, da es nur einen auf Willhaben gab, der nicht besonder günstig und nur mit einem Plastik-Schutz versehen war. An meiner großen Axt konnte ich bereits erkennen, dass Plastik hier auch nicht lange halten kann. Somit kauften wir einen neuen mit einem Metallschutz um denselben Preis.

Das halbieren der dicken Stämme funktioniert damit nicht von alleine, aber das richtige Werkzeug für eine Aufgabe hilft ungemein, seine Energie in die richtigen Bahn zu lenken.

Immer wieder wurde ich an die imposante Gestalt des Baumes mit den Mini-Walnüssen erinnert, wenn ich mir die Hände taub schlug, als ich mit zuviel Kraft auf das harte Holz einer Astspalte einschlug. Die große Axt gab mir den Widerstand, gegen den ich traf, unvermittelt weiter.

Heute ist es anders. Ich habe am Vormittag bei 0° drei dicke Scheiben zerlegt. Obwohl ich gegen keinen Ast zu kämpfen hatte, forderte das Ergebnis eine Menge Hingabe und Durchhaltevermögen von mir. Und noch immer spüre ich die Kraft, die durch meine Hände an das Werkzeug geleitet wurde, in meinen Handflächen.

Ich bin ein Bürowürstchen, aber ich bin froh dieses Erlebnis würdigen zu wissen. Ich dankte diesem Baum bestimmt nicht genug, für die Erfahrungen und die innere Entwicklung die ich durch sein Ableben gewinnen konnte. Dennoch beschenkte er uns reichlich mit hervorragendem Holz.

Meine zutiefste Dankbarkeit für dein Opfer.

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7 Kommentare zu “Das Werkzeug führt den Weg”

  1. das kann man so glaub ich auch gar net vergleichen. ich meine weder der baum, noch die tiere in massentierhaltung opfern sich freiwillig.
    für mich geht es dennoch um die einstellung, mit der man eine tat vollzieht. schließlich würden wir es auch nicht unterstützen, mit riesen maschinen durch hektarweise wald zu fahren und diesen zu roden. vergleichsweise zur massentierhaltung ist das für mich das selbe prinzip nur mit pflanzen.
    einen baum in achtsamer handarbeit zu zerkleinern, dessen umschnitt für uns mehr oder weniger eine notwendigkeit darstellte, kann sicherlich ein spirituelles erlebnis sein. tiere müssen jedoch, wie toe schon schrieb, nicht notwendigerweise geschlachtet werden, schon gar nicht aus massentierhaltung. und wenn man die kraft/den mut besitzt, zb. das eigene schweindl aus dem garten zu töten, dabei die nötige einstellung hat, dankbar für dieses ‚opfer‘ zu sein und es in einer respektvollen geisteshaltung vollzieht, kann ich mir schon vorstellen, dass es einen teil zur selbsterkenntnis beitragen kann! (auch wenn das für uns wiegesagt kein gangbarer weg ist).

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  2. Ja es ist überaus schlicht, in seiner charmantesten Bedeutung. Ich habe letztens herzliches rosa Apfelholz gesehen, auf das sich gleich eine Unmenge Holzwürmer gestürzt hat. Aber das Nussholz hat schlichte Brauntöne die einfach begeistern.
    MfG toe

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  3. Nein, sicher nicht. Ich denke, abgesehen von der direkten Sonnenenergie, ist Holz bzw. pflanzliche Fasern, für uns das beste Heizmaterial. Die Sonne können wir leider auf unserem Grund nur eingeschränkt nutzen, vorallem im Winter. Also halte ich lokal produziertes Holz für die beste unserer Möglichkeiten. Da wir heutzutage uns leicht vegan ernähren können, gibt es keine Rechtfertigung für Massentierhaltung.

    Wenn es für manche möglich ist in kleinbäuerlichen Strukturen oder als Selbstversorger es für richtig erachtet, auch Tiere zu halten und diese auch gelegentlich persönlich zu schlachten und zu essen, dann kann ich mir vorstellen, dass das zur spirituellen Entwicklung beitragen kann. Für mich ist es allerdings derzeit kein gangbarer Weg. Wie ist das bei dir?
    MfG toe

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  4. Den Geruch von frischem Nussbaum kenne ich leider noch nicht. Doch ich liebe den Geruch von Kirschbaum. Trotzdem ist Nussbaum ein schönes Holz- so völlig anders als die „Masse“.

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