Obwohl ich es besser wüsste

Ab und zu entbrennen in meinem Umfeld Diskussionen über die Einhaltung von ethischem Verhalten. Meist geht es gar nicht um die Sinnhaftigkeit der vermeindlichen Richtlinien (ich vermeide den Begriff Regel im buddhistischen Zusammenhang), sondern oft wird aus einer Verteidigungshaltung argumentiert, sodass es mir vorkommt, sich Ziele vorzunehmen sei schon zuviel des Guten und diese entspannt aber ernsthaft zu verfolgen sei gänzlich unmöglich.

Ich möchte mich ganz herzlich bei Daniela Sportelli bedanken, dass sie in ihrem Beitrag Achtsamkeit und Elterndasein – muss sich das ausschließen? mich auf das Buch von Sarah Napthali „Der kleine buddhistische Erziehungsberater“ aufmerksam gemacht hat. Denn darin wurde ich wieder auf die Ratschläge Buddhas aufmerksam gemacht, die uns helfen können, angestrebte Verhaltensweisen zu verinnerlichen ( vgl. S. 122ff bzw. Vitakkasanthāna Sutta im Palikanon:

  • Konzentriere dich auf das Positive/Heilsame
  • Denk an die Folgen deiner Gedanken/Taten
  • Lenke dich ab
  • Suche nach Alternativen
  • Benutze deine Willenskraft

Beim bewussten ethischen Verhalten geht es nicht darum, an einem internationalem Ranking teilzunehmen, um den Besten der Besten der Besten zu finden, mit Auszeichnung. Nein, man braucht sich überhaupt nicht mit irgend jemanden zu vergleichen. Das führt entweder dazu, dass man sich selbst deprimiert – weil es den anderen scheinbar so leicht fällt – oder man sich unheimlich besser als alle anderen fühlt und damit auch dazu neigt, alle anderen als minderwertig zu betrachten. Und beides ist unsinnig, da es nicht hilfreich ist. Denn beides wird sich zumindest früher oder später als vergänglich heraustellen und dann schnellen unsere Emotionen ins genaue Gegenteil. Und damit ist dann wohl die nächste Drehung im Rad der bedingten Entstehung eingeläutet.

Jetzt möchte ich kurz erwähnen, dass ich kein Feind von Emotionen bin. Obwohl ich als introvertierte Persönlichkeit nicht mit öffentlichen Gefühlsausbrüchen hausieren gehe, empfinde ich doch genauso wie jeder Mensch: Freude wenn mir etwas gelingt und Trauer wenn nicht, usw. Das ist gut so und soll auch so bleiben. Es ist aber auch nicht mehr als das was es ist: eine intensive körperliche Reaktion auf eine wahrgenommene Situation. Für jede Entscheidung oder Handlung die danach folgt, sollte nicht mehr das Gefühl allein zuständig sein.

Zurück zu den Ratschlägen und ihrer praktischen Anwendung. Ich leide zum Beispiel unter dem Begehren nach Cola. Die finanzielle Unterstützung von riesigen Konzernen, die sich nur in Marketingkampagnen um Menschen- oder Tierrechte und Umweltschutz sorgen, finde ich aber moralisch verwerflich. Außerdem lässt mich das Koffein merklich schlecht einschlafen. Deshalb hat sich in letzter Zeit ein Konsens gebildet, dass ich mir Cola nur mehr in Restaurants zum Essen, in Bio-Qualität und aus Glasflaschen kaufe. Das kommt also höchstens 1-2 Mal im Monat vor, dann genieße ich das ohne Schuldgefühl und dann schlafe ich schlecht.

Dennoch steigt manchmal das Begehren nach dem geschmacklichen Genuss in mir auf, ohne dass die Nebenbedingungen passen. Dann kann ich mir also bewusst machen, dass mein Konsumverhalten wichtig für den Wandel des Wirtschaftsystems ist. Würde ich nachgeben, wäre ein schlechter Schlaf mit möglicherweise unnötigen Schuldgefühlen die Folge. Stattdessen könnte ich mit meiner Frau in eine anregende Diskussion über einen Aspekt des Dharmas und dessen Auslebung innerhalb der Triratna Gemeinschaft beginnen. Oder die Geschmacksnerven mit einem auch köstlichem Makava Eistee beruhigen. Und schließlich muss die eiserne Disziplin herhalten: „Ich trinke jetzt kein Cola!“

Und wenn es dann doch passiert, aus irgend einer ach so wichtigen Laune heraus, dass die eiserne Disziplin ein Schlupfloch aufweist, dann genieße ich das prickelnde Zuckerwasser und beobachte, ob das wirklich notwendig war. Wenn möglich lerne ich etwas daraus. Und dann versuche ich mich nicht über mich selbst zu ärgern.

Und schlafe anschließend schlecht.

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6 Kommentare zu “Obwohl ich es besser wüsste”

  1. Danke, das hatte ich früher auch net. Erst seit ich mich generell gesünder ernähre und damit lange Zeit keine koffeinhaltigen Getränke trank. War damals zwar keine Absicht, aber offenbar bin ich da jetzt sensibel.
    MfG toe

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  2. Hiho Toe, spektakulär guter Beitrag, der mich wieder darin bestärkt, mich näher mit buddhistischer Lebensweise zu beschäftigen. Cola trinke ich übrigens auch verstärkt, aber noch haben mich die negativen Gefühle diesbezüglich nicht übermannt – auch wenn ich mir in Spanien mal wieder vorgenommen habe, mehr Wasser zu trinken. Werde es versuchen. Schlaf gut 🙂

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