Hörst du mich denn?

Habt ihr schon mal jemanden kennengelernt und seid dabei fast nicht zu Wort gekommen? Ich habe letztens eine Bekannte meiner Frau kennengelernt, wir waren frühstücken. Ich habe in über zwei Stunden knapp vier Sätze gesagt und drei davon, als meine Liebste am WC war.

Ich halte mich für einen guten Zuhörer, weil ich ernsthaft zuhöre. Also ich bin aufmerksam bei der Sache und achte auf mein/e Gegenüber. Als Mann merke ich mir fast nichts von dem, was ich höre, aber es bildet sich ein Gesamteindruck in meinem Kopf. Aber unterm Strich kommt es eher selten dazu, dass ich dann auch zu einem Thema Stellung beziehe. Zum einen, weil es mir selten wichtig ist meine Meinung jemand anderen aufzuzwingen und zum anderen, da ich fast nie in Gesprächen etwas gefragt werde.

Zumindest nicht in den alltäglichen oberflächlichen Konversationen. Mit meinen spirituellen Freunden ist es zum Glück anders, da geht es um interessante Themen, wo ich gerne meinen relativen Standpunkt vertrete und da werde ich auch aktiv nach meiner Meinung gefragt. Das sind dann qualitativ hochwertige Gespräche.

Aber bei so einem Alltagstratsch wirke ich scheinbar sehr unteilnahmslos. Für meine Liebe, zu meinem Glück, scheint es mir auch so zu sein. Irgendwie verlernt man oberflächliches Geschwafel, wenn man selten dazu kommt.

Wie erwähnt, ist es nicht einem Desinteresse geschuldet, sondern ich vermute die Sprachkultur hat sich auch in eine seltsame Richtung entwickelt. Es wirkt auf mich, als würden sich manche oberflächlichen Bekanntschaften freuen, dass sie bei uns mal zum Ausreden kämen.

Auf der anderen Seite, hat wohl auch die Erfahrung, dass unsere Herzensthemen – Umwelt- und Tierschutz, Menschenrechte, vegane Ernährung, freie Spiritualität, … – bei oberflächlichen Bekanntschaften eher zu polarisierenden Gesprächen führen, was ich als eher unangenehm empfinde, da es leider oft trennt statt verbindet.

Hmm, wenn ich das so reflektiere, haben wir entweder noch zuviel persönlichen Kontakt mit nicht zu uns passenden Leuten oder wir sind noch ein Stück weltfremder geworden als früher.

Also wir leben ja nicht in der Stadt, sondern am Bergl, versteckt im tiefen Wald, umgeben von eingeborenen Steirern, als Exil-Niederösterr…Marchfelder. Da häufen sich die oberflächlichen Kontakte nicht wirklich. Umso schöner, dass die qualitativen Kontakte mehr und bedeutungsvoller werden.

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11 Kommentare zu “Hörst du mich denn?”

  1. Ich habe letztens auch eine ähnliche Erfahrung auf einer Geburtstagsfeier gemacht. Die Menschen um mich herum haben ausschließlich über Fleisch, Fisch, Feiern, Trinken, Flirten und Diskothek mit Kollegen nach der Weihnachtsfeier geredet, alles Themen, die mich seitdem ich buddhistisch lebe nicht mehr interessieren. Ich musste den ganzen Abend schweigen, weil mich einfach nichts davon interessiert hat und ich die Menschen nicht darüber belehren wollte dass sie etwas falsch machen und damit einen Streit provozieren. Aber am Ende, als mich eine Frau gefragt hat, was ich dazu meine, wie sollte sich eine Frau auf einer Betriebsfeier anziehen, sexy oder verschlossen, um keinen schlechten Eindruck bei den Kollegen zu hinterlassen, und ich gesagt habe, dass sie einfach nicht ohne ihren Mann auf die Feier gehen sollte, hatte ich das Gefühl etwas heilendes in diese Atmosphäre gebracht zu haben, obwohl alle sofort gesagt haben, dass es unmöglich sei, den eigenen Mann zu einer Weihnachtsfeier mitzubringen. Wenigstens haben sie über diese, etwas besinnlichere, Flirt mit Kollegen ausschließende, Option, einen Moment lang nachgedacht. Ich glaube wir werden Zeugen solcher Gespräche, weil wir, die uns mit spirituellen Themen beschäftigen, es den Menschen schuldig sind, ihnen eine kleine moralische Orientierung zu geben. Damit sie selbst, irgendwann einmal, in 10 Jahren vielleicht, auch ihren spirituellen Weg finden. Wir selbst sind ja auch nicht von alleine darauf gestoßen und hatten früher Menschen um uns, die nicht getrunken haben, vegan gegessen haben oder kein Freund schon mit 15 hatten. Das waren auch nicht die lautesten Menschen. Und wir haben ihre Position auch nicht sofort übernommen, aber einen guten Eindruck haben sie doch irgendwie auf unser Unterbewusstsein hinterlassen und haben gezeigt dass es möglich ist, so zu leben. Ich glaube, ohne diese Eindrücke, wäre es viel schwieriger etwas im eigenen Leben zu ändern.

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  2. Hey, danke für deine Erfahrung, möglicherweise ist das auch das Besondere an der Ausstrahlung des historischen – oder jeden anderen – Buddha. Dass er jede Belanglosigkeit in etwas Bedeutungsvolles wandeln konnte.
    MfG toe

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  3. Ich kann deine Ausführungen auch sehr gut nachvollziehen… Ich habe auch Sorge, mit zunehmendem „Erwachen“ irgendwann gar keine „normalen“ Gespräche mehr führen zu können. Ich finde mich in letzter Zeit häufig in der Beobachterrolle, obwohl ich ein SEHR gesprächiger Mensch bin (was auch beinhält, dass ich gerne zuhöre). Aber wenn es dann über so belanglose Dinge geht, sitz ich auch schon mal da und frag mich, wieso ich nur jemals durch die Tür auf dem Weg zur Erleuchtung gegangen bin. 🙂 Aber ich glaube, je mehr wir reflektieren/ lernen/ annehmen umso mehr werden wir auch mit solchen Gesprächen umgehen können und vielleicht mehr gleichgesinnte Menschen in unser Leben „ziehen“. Ich hoffe es zumindest. 🙂

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  4. Es ist doch ohnehin so, dass 90% der Gespräche Müll sind – zumindest in meinem Umfeld. Und wenn man nur versucht auf ein heilsameres Thema abzulenken (zum Beispiel Themen die auch im Dhamma behandelt werden), wird man zur Zielscheibe 🙂
    Naja, liegt aber vielleicht auch an mir, ich interessiere mich nicht für Fußball, Fernseher und all die anderen unwichtigen Dinge, die anscheinend so wichtig geworden sind.

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  5. Ich kann das gut verstehen was du mit hochwertigen Gesprächen meinst. Seit ich mich in eine andere -spirituellere-Richtung entwickelt habe und natürlich weiterhin entwickle, merke ich oft, dass in meinem Umfeld viele oberflächliche Dinge thematisiert werden. Aber sind sie deshalb unbedeutsam? Ich bilde mir darüber keine Meinung. Ich weiß nur, dass es mich häufig einfach nicht juckt. Zum Glück kann ich in meinem Freunden und Familienkreis viele gute tiefe Gespräche führen. Die für mich unwichtigen Themen, höre ich eher auf der Arbeit. Aber die lass ich dann auch einfach da, sobald ich aus der Tür gehe.
    LG

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  6. Das blieb mir bisweilen verschont. Wahrscheinlich weil ich mir ohnehin nur wenige Details merke. Auch bei den qualitativeren Gesprächen bleibt mir im Normalfall kein konkreter Satz im Gedächtnis, sondern eher weichgezeichnete Bilder mit der Essenz der ganzen Situation, also inkl. Gestik, Mimik und Stimmung zusammen faschiert.
    MfG toe

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  7. Wenn ich mit anderen zusammen bin,kommt so nach spätestens zwei Stunden der Punkt,wo ich nicht mehr kann und mag.Mein Kopf ist dann einfach voll…und wenn die Leute arg viel reden,noch früher.

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  8. Hey, ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt viel von mir erzählt habe. Zu meinem 30er vielleicht, als ich viele Freunde von früher traf. Da war ich danach auch heiser, weil ich viel und laut gesprochen hatte.

    Aber da hätte ich dann eher ein schlechte Gewissen gehabt, wenn ich weniger geredet hätte, weil die Leute ja auch extra kamen um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Und es ging natürlich nicht nur um mich. Aber klar, manchmal wenn man vielleicht im Redefluss ist zu einem Herzensthema und es nicht auf Abneigung sondern Interesse stößt, kann das Rad mal umschlagen. It’s been long time ago …
    MfG toe

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  9. Dieses Gefühl des nicht-zu-Wort-gelassen-Werdens kenne ich auch gut. Ich persönlich glaube, eine gute Zuhörerin zu sein und gebe mir stets in Gesprächen aktiv Mühe, das auch zu bleiben. Und wenn ich merke, dass ich aus irgendeinem Grund zu viel über mich erzähle, dann versuche ich sofort, gegenzusteuern und den oder die Gesprächspartner*in zu Wort kommen zu lassen oder ihn oder sie etwas zu fragen – was mich dann aber auch wirklich interessiert.

    Wenn ich ein Gespräch halbherzig führe, habe ich danach ein ziemlich schlechtes Gewissen – egal, um wen und um welches Thema es sich gehandelt hat. Denn ich halte mir vor Augen: So würde ich nicht gerne von anderen behandelt werden (auch wenn ich es vielleicht nicht einmal merken würde).

    Liebe Grüße
    Jenni

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  10. ja, es ist tatsächlich so, dass man als guter zuhörer heutzutage geschätzt wird. zumindest kommt mir das bei besagten oberflächlichen bekanntschaften so vor. die menschen haben das bedürfnis von sich zu erzählen (auch wenn es ’nur‘ alltagsproblemchen usw. sind) aber scheinbar gibt es kaum mehr jemanden, der einfach nur zuhört, anstatt ungeduldig zu warten, bis er/sie endlich mit reden dran ist – weil jeder glaubt, er/sie ist der mittelpunkt des universums 😉
    greets cao

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