wenn ich interviewt worden wäre

Anka Hoerster hat in ihren Interviews folgende Fragen gestellt, die ich auch gerne beantworten möchte. Wer ihren Blog noch nicht kennt, sollte da unbedingt vorbei schauen.

Was hat Dich dazu bewegt, mit dem Meditieren zu beginnen und Buddhismus zu praktizieren?

Nun, für mich ist das nicht gleichzeitig passiert. Bei mir war Buddhismus vor der Meditation da. Cao hatte wegen einem Schulprojekt viel zum Thema Buddhismus recherchiert und mit dem Halbwissen, das ich zu dem Zeitpunkt hatte, war mein Interesse geweckt. Nach einer Reihe von Büchern, wo mich vorallem die buddh. Ethik angesprochen hat, erkannte ich, dass ich dem buddh. Weg bereits folge. Mit der Erkenntnis gab es endlich eine halbwegs konkrete Richtung (halbwegs, weil Buddhismus doch sehr vielseitig ist).

Mit der Meditation habe ich erst einige Zeit später begonnen. Als ich mit Hilfe der ÖBR eine lokale Sangha zusammentrommelte, war für alle teilnehmenden klar, dass bei jedem Treffen die gemeinsame Meditation im Zentrum stehen sollte. Damals dachte ich, dass ich im Geist noch viel zu wild sei und es nichts bringen würde. Nun, ich war wild, aber ich finde es hat etwas gebracht.

Was ist für Dich der wichtigste Aspekt an der Meditation, an buddhistischer Praxis?

Also für mich ist der wichtigste Aspekt an der buddh. Praxis die Ethik. Vielleicht weil ich auch schon schlechte Beispiele von ‚abgehobenen‘ Meditierenden erlebt habe, die meiner Ansicht nach keine Ahnung über die Anwendung der Ethik hatten. Wenn jemand trotz täglicher Meditation hinter dem Rücken über andere herzieht, mit zweierlei Maß misst, und und und, und das für naturgegeben korrekt hält, dann hat jemand etwas nicht verstanden.

Bei der Meditation finde ich, ist die Individualität der wichtigste Aspekt. Denn wie ein Fingerabdruck haben auch wir alle unsere eigenen persönlichen Konditionierungen, im Sinne von Stärken und Schwächen. Und bei so etwas Elementarem wie der Geistesarbeit halte ich es für sehr wichtig, sich nicht in zu starre Schubladen stecken zu lassen. Also, wenn ich ein aufbrausendes Temperament habe, dann könnte Sitzen gegen die Wand ein übertriebener Gewaltakt an mir in dieser Phase meines gegenwärtigen Lebens sein, aber achtsame Arbeit wäre vielleicht goldrichtig. Dann liegt es wohl auf der Hand, wo der Schwerpunkt sein wird.

Wie hat sich Dein Leben durch Meditation und Buddhistische Praxis verändert? Was ist anders im Vergleich zu vorher?

Durch die buddh. Praxis fühlte ich einerseits einen enormen Rückhalt. Früher war ich oft so ein bisschen ein Querolant, weil ich oft nicht mit den Dummheiten der Massen mitschwimmen wollte. Als sich mir dann manche buddh. Weisheiten erschlossen, hat mich das emotional sehr bestärkt, noch mehr auf mich und in mich rein zu hören.

Durch die Meditation habe ich gelernt meine innere Welt ausreden zu lassen. Um das nicht zu lange ausführen zu müssen, bediene ich mich der Analogie eines Seesturms. Wenn meine Emotionen losbrechen, dann stehe ich jetzt an Deck meines sicheren Schiffes und kann mich meistens entscheiden ob ich unter Deck gehe Karten spielen oder mich in die Fluten stürze.

Was nützt Dir und den Menschen um Dich am meisten in Deiner anderen Art mit diesen Methoden zu arbeiten?

Ich meine – und ich möchte jetzt eigentlich keine Werbung für Business Meditation machen – dass ich in Situationen mit einem Konfliktpotential ruhiger bin, nicht automatisch auf Konfrontation oder Fötushaltung gehe, auch mal auf die Situation des Gegenübers schauen kann und letztendlich angenehmer lebe und das auch ausstrahle. Zumindest wurde mir das im Arbeitsumfeld schon mehrmals gesagt.

Was ist die größte Herausforderung für Dich im Zusammenhang mit meditativen Methoden im modernen Leben?

Die größte Herausforderung ist bestimmt der Mangel an Zeit bzw. nützlichen Situationen um überhaupt formal zu meditieren. Wenn wir mal davon ausgehen, dass überhaupt jemand das große Glück hat mehrere Meditationsarten kennen zu lernen und auf den Geschmack gekommen ist, dann kann es recht kräftezehrend  sein, das auch im Leben zu integrieren. Ich bin der Meinung, dass ein langjähriges klösterliches Leben nicht notwendig ist, um von buddh. Praxis und Meditation zu profitieren. Aber wer reduziert denn wirklich die Arbeitszeit mit allen finanziellen Auswirkungen, nur um mehr Gelegenheit für Meditation zu haben? Wodurch sicherlich die verbleibende Arbeitszeit effizienter genützt werden würde.

Was ist die größte Schwierigkeit für die Menschen, mit denen Du arbeitest in unserer modernen Welt?

Nun, ich arbeite als Netzwerktechniker und nicht als Yoga- oder Meditationslehrer. Also wenn ich diese Frage auf meine Kollegen beziehe, dann gilt das wohl auch für die restliche 0815 Gesellschaft unseres kulturellen Bereichs. Ich halte es für eine Schwierigkeit, dass sich die Menschen wirklich selbst als Konsumenten sehen, mit allem was dazu gehört. Nachrichten, Politik, Beschäftigungsverhältnis, Nahrung, Unterhaltung, … alles wird konsumiert. Und das war es dann.

Was ist die wichtigste Fähigkeit/Methode für Dich in Deinem Leben und deiner Arbeit?

Also für mich ist die Reflektion die wichtigste Fähigkeit, die ich habe. Irgendwie komme ich im beruflichen Leben immer in so Arbeitsgruppen um „aus Fehlern lernen“ in den Arbeitsalltag aufzunehmen. Scheinbar liegt mir das und meine Vorgesetzten erkennen das. In der Ethik verwende ich das natürlich auch. Wenn mir ein Fauxpas passiert, dann grüble ich solange darüber nach, bis ich eine zufriedenstellende Maßnahme für die Zukunft zumindest formuliert habe. Idealerweise erinnere ich mich dann in der Zukunft wieder daran.

Wie integrierst Du die zwei Wahrheiten (die relative und die absolute) in Deinem Leben/Deiner Arbeit?

Das ist ziemlich einfach, da es ein passenden Spruch in meinem Dialekt gibt. „Es wiad nix so has gessen wias kocht wiad.“ [Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.] Offensichtlich oder?

Was ist die größte Veränderung und was ist die größte Herausforderung für Dich persönlich in Deinem Leben seit Du Dich in Meditation übst und auf einem spirituellen Pfad bist?

Hmm, wenn ich zurück denke, finde ich, dass ich schon recht lange auf einem spirituellen Pfad bin, dass dieser mit buddh. Fahnen gesäumt wird, ist erst relativ kurz der Fall. Also ich erinnere mich, dass ich zur Erstkommunion echt nachgedacht habe, was das für mich und mein Weltbild bedeutet.

Die größte Veränderung war bisher die Erkenntnis, dass ich Buddhist bin und somit die breite Suche beenden konnte.

Die größte Herausforderung ist bestimmt die Rolle als Vater. Wie ich es von meinem Vater gelernt habe – dass die Arbeit, das wichtigste sei, um die Familie zu sichern – möchte ich nicht so leben. Und weil ich mich da nicht auf das verlassen möchte, was er mir vorgelebt hat, lerne ich jeden Tag neu zu reagieren. Das empfinde ich als große Herausforderung, aber ich denke ich mache mich ganz gut.

Was sind die wichtigsten Elemente in Deinem Leben, die Dir helfen klar und fokussiert zu sein? Was hilft Dir als Orientierung und Ermutigung dabei?

Tja, Weisheit würde ich mal meinen. Die Erfahrungen, die ich selbst bereits machen konnte und die ich von anderen her gesammelt habe. Ich kenne sehr positive und sehr schlechte Beispiele und auch Kompass und Karte spiegeln nur die Erfahrung anderer.

Schon wieder eine Seemannsmetapher, dabei kann ich gar nicht segeln.

Also Menschen, die etwas zu erzählen haben, zuzuhören. Die Geschichten – auch aus Filmen und Büchern und Computerspielen – aufnehmen, reflektieren und aufs eigene Leben ummünzen.

Wir begegnen Situationen, die uns erfreuen und anderen, die uns herausfordern. Wie reagierst Du auf sie, wie gehst Du mit diesen Erfahrungen um?

Ich mache mir zunächst meinen Handlungsspielraum bewusst und wäge gefühlsmäßig die Konsequenzen ab. Dann reagiere ich entsprechend und lerne aus der realen Konsequenz. Eh klar oder? Erfreuliches genießen, weil es vielleicht bald endet und Herausforderndes – wenn es nicht anders geht – durchstehen, weil es sicher bald endet.

Meditative Methoden: Wie integrierst Du persönlich das Gewahr-sein und das Üben von Körper, Rede und Geist? Was ist Deine Lieblingsmethode?

Vorallem wenn man in Situationen innerer Spannung gerät, dann gehe ich an Deck meines inneren Schiffes und achte auf die Zeichen der See.

Ich meine beim formellen Sitzen auf dem Kissen übe ich hauptsächlich Achtsamkeit auf den Atem. Also ich versuche durch Konzentration den aufkommenden Gedanken nicht zu folgen und die Zwischenräume zu vergrößern. Also da rede ich nicht, der Körper ist ruhig (ich zwinge mich nicht [mehr] in Sitzhaltungen, für die ich nicht trainiert genug bin) und der Geist wird trainiert. Das Gewahr-sein übt man im Alltag und drückt sich in dem was ich für Ethik halte aus.

Wie gehst Du damit um, dass wir heute durch die digitalen Geräte ständig erreichbar sind? Ist es für Dich leicht damit zu leben, oder begrenzt Du Deine Erreichbarkeit bewusst?

Ich bin nicht ständig erreichbar. In der Nacht schalte ich das Telefon aus, beim Meditieren aktiviere ich den Flugmodus. E-Mails werden nur synchronisiert, wenn ich in die Mail-App schaue. WordPress Benachrichtigungen lasse ich mir nur durch die LED anzeigen, Vibration und Ton habe ich als sehr ablenkend empfunden. Facebook und ähnliches nutze ich nicht.

Also ja, ich begrenze bewusst und fühle mich daher nicht als digitaler Sklave. Ich bekomme bestimmt nicht alles mit, aber das meiste ist jah eh für die Katz. Das Leben um dich herum, ist das was gerade zählt.

„Wie in einem Glashaus zu leben“ kann bedeuten, dass wir zufrieden sind mit unserem Leben und dem, was wir um uns sehen. Es kann aber auch mit sich bringen, dass wir nach dem verlangen, was wir außerhalb sehen, und es schwierig finden mit dem zufrieden zu sein, was wir zuhause in unserem eigenen Leben vorfinden. Wie ist dies für Dich? Ist es ein Problem? Setzt Du bewusst Grenzen für Dich?

Ja, ich finde ich setze mir deutliche Grenzen. Im Vergleich zu meinen Eltern – oder der 0815 Gesellschaft – lebe ich eher reduziert. Wir haben ein altes Haus (Baujahr 1875) gekauft und saniert, das in einem schnuckeligen Graben (bzw. Klamm) liegt und somit nicht dem südsteirischen Klischee entspricht. Wir haben Smartphones, die auf Funktionalität ausgelegt sind (2 Sim-Karten für Arbeit und Privat) und ich schreibe diesen Text auf einem 5 Jahre alten Notebook, dem ich Win10 nicht aussetzen will. Kein Fernseher, keine Stereoanlage, keine Küchmaschine, keine Personenwaage keinen Rasenmäher … Wir kochen auf einem Holzofen, ausschließlich. Wir haben einen Geschirrspüler (10+ Jahre alt) und eine kleine Mikrowelle (wenn es mal schnell gehen muss). Wir ernähren uns vegan.

Wir setzen uns Grenzen, aber das sind Grenzen, die einfach Sinn machen. Die werden nicht mit Gewalt in den Boden gerammt sondern bilden sich.

Wie möchtest Du in der Welt agieren und gesehen werden? Wie ist es für Dich, wenn Deine tatsächlichen Erlebnisse nicht mit diesem Ideal übereinstimmen?

Pff, also seit ich eigene Entscheidungen treffe, geselle ich mich zu Minderheiten. Aber nicht weil ich gegen alle bin, sondern weil der Mainstream scheinbar in der heutigen Zeit irgendwie verrückt ist. Die konventionellsten Dinge an uns sind, dass wir hetero sind und erst nach der Hochzeit schwanger wurden. Das war echt nicht so beabsichtigt.

Also mir ist das ziemlich egal, was andere von mir halten. Wenn es mir bei jemanden wichtig ist oder etwas falsch rüber kommen könnte, dann stelle ich das nach Möglichkeit klar. Wenn das nicht geht, tja, relative Wahrheit oder?

Eines meiner langfristigen Ziele ist es, es noch zu Lebzeiten zu schaffen, nach meinem Tod spurlos zu verschwinden. Ich finde den  Totenkult, wie katholische Friedhöfe, und auch sowas wie Reliquien extrem verblendet. Mir zeigt das, dass jemand nicht die relative Wahrheit verstanden hat. Das Leben endet irgendwann und das ist verdammt gut so.

Was gibt Dir die Energie, die Dinge zu tun, die Du tun möchtest oder musst? Wie vereinbarst Du Deine Aktivitäten und Deine Bedürfnisse miteinander? Wie balancierst Du ‚tun‘ und ’sein‘?

Das kann man aus mehreren Blickwinkeln beleuchten. Aber bleiben wir gleich bei relativer und absoluter Wahrheit. Weil mein Leben veränglich ist und ich – egoistisch wie ich bin – es genießen möchte, muss ich die Dinge, die ich tun möchte wohl auch angehen. Ich weiß, dass ich schon einiges in meinem Leben versäumt habe, was ganz toll gewesen wäre. Also wenn ich meine, etwas sei mir wichtig – Call for Reflection –  dann wandert es auf meiner imaginären Prioritätenliste nach oben und wird dann mal angegangen.

Es gibt da einiges, das ich gerne tun möchte (zB. Klettern, Taichi kennenlernen, entspannt im Lotus sitzen können, Motorradfahren, besser Programmieren können, …), das aber auf der Prioritätenliste ziemlich weit unten steht. Tja, die ist zum Glück nicht in Stein gemeiselt.

Aber ich möchte auch anmerken, dass es bereits einen Punkt in meinem Leben gab, wo ich dachte, „So, alles was jetzt kommt ist very nice to have!“

Woran erkennst Du, dass Du Deine Balance verloren hast?

An allgmeinen Unwohlsein.

Was ist Entspannung wirklich? Was ist Entspannung für Dich?

Ich bezeichne gern ein entspannendes Wochen so:

Wenn ich da liegen kann mit einem Muskelkater und mich nicht mehr bewegen brauche.

Da ich mich beruflich selten bewegen muss, außer mit den Fingern auf Maus oder Tastatur, bedeutet das, dass ich etwas anderes gearbeitet haben muss. Idealerweise auch fertig geworden bin und dann die Entspannung, im wahrsten Sinn des Wortes, spüren kann.

Ich finde zum Beispiel Meditation ist nicht Entspannung sondern wirkt entspannend. Es ist nämlich manchmal harte Arbeit, meist ohne Bewegung.

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