Das muss man mit einem Jahr aber noch nicht können…

Ich bin eigentlich nicht so der Typ Mensch, der, seit er ein Kind hat, ständig Babyfotos herum schickt und sonst nichts mehr zu erzählen hat, als Themen, die das Baby betreffen. Nicht, weil ich unser Kind nicht absolut lieb, süß, toll, lustig, hübsch, ideenreich, entzückend, witzig, einzigartig usw. finde, sondern weil ich mir dessen bewusst bin, dass genau das jeder Elternteil über seinen Nachwuchs denkt. Ich verfolge mit großer Aufmerksamkeit jeden noch so kleinen Entwicklungsschritt und finde es faszinierend, wie schnell Kinder lernen, was sie vom Alltag alles mitbekommen und wie sie versuchen einen nachzuahmen. Ab und zu kommt es dann schon vor, dass ich der Familie oder einer Freundin mit Kind doch ein Foto oder Ähnliches schicke, damit diese die Entwicklungsschritte auch ein wenig mitverfolgen können. Schließlich wohnen wir fast drei Stunden von unseren Familien entfernt. 

Genauso passierte es vor ein paar Wochen – Hörnchen war noch kein Jahr alt – und liebt es, seit es mobil ist, den Geschirrspüler ein- und auszuräumen. Bisher war mir das keine große Hilfe, unser Zwergal kniete sich hauptsächlich vor das Gerät und schmiss das Besteck im hohen Bogen raus. Auf die Bitte, alles wieder einzuräumen, wurde das Chaos mit meiner Hilfe allerdings wieder beseitigt. 

Anders war es, wie gesagt, vor ein paar Wochen. Ich öffnete den frisch gewaschenen Geschirrspüler, unser Kind rannte wie immer freudig darauf zu und begann, zu meiner Überraschung, Topfdeckel und Besteck raus zu nehmen und ins jeweilige Regal zu schlichten! Schnell griff ich zum Smartphone und filmte diese Szene. 

Die Freude über das gelungene Video war groß und weil ich es auch noch witzig fand, dass unser Hörnchen ohne Aufforderung so selbstverständlich das Geschirr wegräumte, wie ich das normalweise mache, schickte ich dieses Video meiner Freundin. Da hatte ich allerdings noch nicht daran gedacht, dass meine Freundin das Video einer Bekannten zeigen könnte, welche selbst ein Kleinkind hat…

Bei unserem nächsten Treffen erzählte mir besagte Freundin von der Reaktion der Bekannten und dessen Mann:“So ein kleines Kind hat beim Geschirrspüler gar nichts zu suchen. Das ist viel zu gefährlich mit dem Besteck – was, wenn es die Messer rausnimmt?“ Solche und ähnliche Argumente durfte ich mir anhören, beendet wurde das vollkommene Unverständnis mit:“Na sowas muss man mit einem Jahr aber noch nicht können…!“

Ich will mit diesem Beitrag nicht aussagen, dass unser Kind etwas kann, was andere mit dem Alter noch nicht können! Denn wie wir alle wissen, entwickelt sich jeder Mensch in seiner eigenen Geschwindigkeit, manche Babys können Etwas früher, andere dafür etwas Anderes. Sowohl ich, als auch meine Schwester und ihre Kinder, und soweit ich weiß auch mein Mann und dessen Bruder, konnten vor dem ersten Geburtstag alleine gehen. Da ist es nicht verwunderlich, dass unser Zwergal das auch kann. Dass es aber so aktiv im Haushalt hilft, hat meiner Meinung nach einen anderen Grund. Denn wie ich schon mal in einem anderen Beitrag geschrieben habe, lassen wir das Hörnchen mehr oder weniger alles ausprobieren, überall helfen und alles selbst erkunden, wenn es sich dabei nicht schwer verletzen kann oder unter Aufsicht ist.

Kinder haben einfach keine andere Möglichkeit um zu lernen, als es sich bei den Erwachsenen abzuschauen und dann selbst auszuprobieren. Wie sehr und wie früh sie uns nachahmen, war mir selbst nicht so bewusst. Erst jetzt, wo das Hörnchen mit einem Jahr immer ’selbstständiger‘ wird, fällt es mir auf. In vielen Situationen denk ich mir nur:“Woher hat es das, warum weiß es das?“ bis ich erkenne, dass entweder ich oder mein Mann es auf diesselbe Weise machen, oft unbewusst und undokumentiert. Aber das Kind schnappt alles auf, macht nach und wiederholt. Bewusst wurde mir das wiedermal, als das Zwergal fröhlich das letzte Stück einer Fruchtschnitte knabberte, dabei das nun leere Papierdl begutachtete, kurz überlegte und ohne unser Zutun mit diesem zum Mistkübel marschierte und es dort hinein beförderte!

Nein, wir haben unser Kind nicht darauf trainiert, nein, wir haben es dazu auch nicht aufgefordert und nein, unser Kind ist deshalb nicht besonders! Es ist aber ein Kind, dass das Glück hat, in seiner Neugierde und Experimentierfreude nicht eingeschränkt zu werden. Es darf ein aktiver Teil unserer Familie und somit auch unseres Alltags sein, es darf überall helfen und mittun, wo es kann und Freude und Interesse daran zeigt, auch wenn das bedeutet, dass die Hausarbeit bzw. anderes wesentlich länger dauert oder in manchen Fällen danach noch mehr Unordnung herrscht als vorher! Ich bin der Meinung, genau dafür sind wir als Eltern doch da, um den Kleinen zu zeigen, ‚wie das Leben funktioniert‘. Dazu gehören natürlich auch die alltäglichen Aufgaben und Verrichtungen. Und wie muss sich so ein kleines Kind fühlen, wenn es jeden Tag, jede Minute so viel Neues sieht und lernt, Zusammenhänge und Abläufe begreift, aber sie selbst nicht umsetzen und üben darf, weil das laut den Erwachsenen zu gefährlich ist oder zu lange dauert? Ich will eigentlich nicht verallgemeinern, aber wenn ich ehrlich bin, kenne ich niemanden aus unserem Bekanntenkreis, dessen Baby oder Kleinkind an den Mistkübel, die Kaffeemaschine, den Kühlschrank, den Tischherd, die Bestecklade, den Geschirrspüler, den Pürierstab etc. darf oder erlauben aktive Mithilfe an diesen Geräten…

Als Abschluss möchte ich noch erwähnen, dass besagte Bekannte der Meinung ist, dass Kleinkinder, welche schon eher früh alleine gehen können, weniger intelligent sind. Denn die schlauen Kinder lassen sich so lange wie möglich tragen…

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8 Kommentare zu “Das muss man mit einem Jahr aber noch nicht können…”

  1. Wie gut,dass es Menschen gibt, die ganz genau wissen, was ein Kind in welchem Alter können soll und darf. Also bitte stoppt doch das Hörnchen, wenn es solche Dinge tut – wie soll es sonst jemals der Norm entsprechen.

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  2. Klar, man gibt dem Kind als Eltern natürlich einiges mit, das meiste davon unbewusst. Und je bewusster man damit umgeht, umso weniger Negatives prescht auf das Kind ein.

    Wie eine sehr gute Freundin von mir sagt:

    Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar.
    Wir versuchen es tatsächlich so umzusetzen, nicht nur auf dem Blog darüber zu schreiben 😉 Auch wenn nicht immer alles so läuft, wie man es geplant hat, man als Elternteil auch mal einfach genervt ist und deshalb in manchen Situationen spontan anders reagiert, als man eigentlich möchte, bleiben wir uns im Allgemeinen treu. Dadurch, dass wir so entspannt damit umgehen, kann unser Kind die Erfahrungen auch ganz in Ruhe machen. Ich denke, oft haben Eltern so einen Stress damit, das Kind zu „erziehen“, zu mahnen und Verbote zu erteilen, dass sie selbst gar nicht merken, wie einschränkend sie auf ihr Kind wirken!
    Es fühlt sich einfach gut an, das Kind beim Aufwachsen zu begleiten und zu sehen, was für ein Menschlein sich da eintwickelt, ohne es in eine Richtung zu treiben (was wir natürlich unbewusst und durch Vorleben etc. trotzdem immer irgendwie machen…).
    Alles Liebe cao

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  4. Ich verfolge Euren Blog jetzt schon seit über einem Jahr und muss einfach mal grad loswerden, dass ich es ganz großartig finde, wie ihr euch Gedanken um die Erziehung Eures Kindes macht – und diese Gedanken auch umsetzt! Ihr habt so ein ganzheitliches Bild davon (zumindest bekommt man das über eure Beiträge vermittelt), wie Euer Kind möglichst natürlich aufwächst.
    Besonders das, was Du nun schon zum zweiten Mal betonst, finde ich auch sehr wichtig: Dass man das Kind machen lassen soll, sofern es sich dabei nicht ernsthaft gefährdet. Diese große Angst davor, dass ein Kind sich verletzen oder krank werden könnte, bzw. das darauf folgende Verhindern von Lernerfolgen ist meiner Meinung nach nicht gerade förderlich für die Entwicklung.
    Ihr geht einfach so entspannt mit alldem um. Und das finde ich ganz wundervoll!

    Also, macht weiter so! ❤

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  5. Danke für dein Kommentar.
    Ja genau, man muss Vertrauen haben. Und wie ich schon geschrieben hab, schauen sich Kinder alles von den Erwachsenen ab, also wissen sie im Prinzip auch, wie sie zb mit dem Messer umgehen. Natürlich ist ein kleines Kind noch nicht so geschickt oder mag doch ausprobieren wie es ist, wenn man über die scharfe Klinge fährt… Aber deshalb macht unser Kind solche Erfahrungen ja nicht unbeaufsichtigt und gegebenfalls erklären wir ihm genau, warum man vorsichtig sein sollte mit einem Messer.
    Ähnlich ist es bei unserem Holzofen, unser Kind tastet sich selber und vorsichtig ran – hält dann immer ganz zaghaft die Händ in die Nähe um die Temperatur zu testen – und weiß, wann es heiß ist und wann kein Feuer brennt und es die Ofentüre aufmachen kann.
    Schade, dass den wissbegierigen Kleinen oft so viel verwehrt bleibt… Oder sie zum Nachspielen realitätsfernes Spielzeug aus Plastik bekommen, aber die Dinge ‚für Erwachsene‘ nicht verwenden dürfen.
    Greets cao

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  6. Ich finde es super! Man muss Kindern auch einfach mal was zutrauen. Und wenn der kleine halt mal ein Messer rauszieht, was soll’s? Mama ist doch da und passt auf! Man glaubt garnicht, was die Zwerge schon alles können, wenn man sie mal lässt… 😉
    Unsere beiden haben schon mit nichtmal 1,5 Jahren den Tisch decken können. Uns sie lieben das! Klar, ist auch schonmal was runtergefallen, passiert mir aber auch hin und wieder. Und ja, die Messer dürfen sie auch tragen. Die große konnte mit zwei Jahren auch schon ein wenig mit dem Messer umgehen und hat z.B. allein bei den Erdbeeren das Grünzeug abgeschnitten oder Bananen in Stückchen zerlegt!
    Bin da also ganz deiner Meinung…. 😊👍

    Gefällt 2 Personen

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