Belfast – eine Stadt mit zwei Gesichtern

Immer wenn ich über sehr heikle Themen schreibe, versuche ich zunächst unparteiisch meinen Zugang zu dem Thema zu formulieren und das anschließend mit einer gewaltigen Portion Mitgefühl zu relativieren. Naja, in diesem Fall fürchte ich, dass ich dem Ausdruck des Mitgefühls noch nicht gewachsen bin. Aber schauen wir mal.

Aus verschiedenen Zufällen und Versäumnissen musste ich mit einem Kollegen – in Folge C. genannt – nach Belfast, Nordirland, zu einer technischen Schulung reisen. Auf Vorschlag von C. meldeten wir uns für eine politische Tour an, welche die Hintergründe des dortigen Konflikts beleuchtet. Die Rezeptionistin hatte uns eine Taxi-Tour empfohlen, aber C. bevorzugte den 3-stündigen Rundgang entlang der Mauer. Mauer? Welche Mauer?

Ich kann unmöglich die uns präsentierten Eindrücke und Geschichten wiedergeben, aber ich war schockiert. Ich dachte schon, dass es gewisse Spannungen in Nordirland geben müsse, da es politisch zu Groß-Britannien und nicht zu Irland gehört. Aber wie uns die Situation dargestellt wurde, hätte ich mir für eine westliche, europäische Stadt nicht vorstellen können.

In Belfast gibt es eine Mauer, welche den protestantischen vom irischen Teil trennt. Es gibt 6 massive Tore, welche von 7 Uhr Abends bis 7 Uhr Morgens geschlossen werden. Das wird nur begreifbar, wenn man sich klar macht, dass bis 1998 die Iren sich seit Jahrhunderten von Großbritannien unterdrückt fühlten und aufgrund von Perspektivlosigkeit zu roher Gewalt griffen. Und die zu Großbritannien loyalen Protestanten, welche vermutlich größtenteils unschuldig, als Opfer von Attentaten und Bombenanschlägen hergenommen wurden, leben auch noch in unmittelbarer Nachbarschaft.

Das alles hat seine Wurzeln vor ewig langer Zeiten, wurde nie vollständig aufgearbeitet und noch heute haben viele Einwohner Belfasts Freunde oder Familie verloren, ohne vielleicht jemals einen Schuldigen erfahren zu haben.

Auf unserem Training habe ich dann Mal unseren Trainer darauf angesprochen und der hat das ganze wieder relativiert. Also er hat bestätigt, dass jeder von der Geschichte betroffen ist, aber zB. in technischen Berufen arbeiten Menschen aus beiden Fraktionen als Kollegen selbstverständlich zusammen.

2 Kommentare zu „Belfast – eine Stadt mit zwei Gesichtern“

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