Geburtsbericht Alleingeburt nach Kaiserschnitt

Schon bei meiner ersten Schwangerschaft war mir und meinem Mann sehr schnell klar, dass wir eine möglichst selbstbestimmte und interverntionsfreie Geburt anstrebten. Die Zeit der Schwangerschaft empfand ich als eine sehr intensive und bewusste Zeit. Ich machte viel Yoga und las das Buch „Die selbstbestimmte Geburt“ von Ina May Gaskin. Spätestens da wurde mir klar, dass ich eine Hausgeburt einer Klinikgeburt in jedem Falle vorzog und ich fand auch schon bald eine liebe und einfühlsame Hebamme, die uns hierbei begleiten wollte.
Leider lag unser Baby ab etwa der 30. Ssw in BEL, welche eine Geburt ohne Beisein eines Arztes gesetzlich ausschloss. Dennoch war ich bis eine Woche vor dem ET sehr entspannt und vertraute darauf, dass sich unser Baby noch drehen würde – was leider nicht geschah. So besuchte ich ein paar Tage vor dem ET ein Krankenhaus, um mit einem Primar, ein Spezialist für spontane BEL Geburten, unsere Geburt zu planen. Das ernüchternde und sehr enttäuschende Ergebnis war, dass er bei einer Erstgebärenden ein Baby aus BEL mit Nabelschnurumschlingung um den Hals nicht spontan entbinden würde. Mir blieb also nur die Zustimmung zu einem Kaiserschnitt oder eine Alleingeburt – welche zu diesem Zeitpunkt unter diesen Umständen für uns kein Thema war. Ich bekam also nach Wehenbeginn und Blasensprung einen Kaiserschnitt, welchen ich trotz geplanter Hausgeburt als recht selbstbestimmt und würdevoll empfand, da ich stets über alle Maßnahmen informiert wurde und auf meine Bedürfnisse und die des Babys weitestgehend Rücksicht genommen wurde.

Kurz bevor unser Kind drei Jahre alt wurde, wurde ich wieder schwanger. Auch diese Schwangerschaft empfand ich wieder als sehr bewusste Zeit und hatte auch das Gefühl, dass meine Körperwahrnehmung sich intensivierte. Die ersten Tritte spürte ich sehr früh und ich konnte eigentlich immer die Lage des Babys ertasten und erfühlen. Ich hatte fast von Anfang an ein positives Gefühl und wusste, dass alles gut sein würde – trotz Schmierblutungen und einem Hämatom in der Gebärmutter in der Frühschwangerschaft. Zusätzlich litt ich in den ersten drei Monaten an Übelkeit, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und starker Lustlosigkeit.

Bereits in der 6. Ssw nahm ich Kontakt zu meiner alten Hebamme auf, welche mir leider mitteilte, dass sie nicht mehr als freiberufliche Hebamme tätig war. So machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Hebamme, die uns bei einer Hausgeburt unterstützen würde. Doch dies stellte sich als schwieriger heraus, als gedacht. In Österreich gibt es scheinbar nur eine handvoll Hebammen, die uns bei einer Hausgeburt nach Kaiserschnitt begleiten würde – anscheinend ist den anderen, sowie auch diversen Geburtshäusern, das Risiko einer Uterusruptur zu hoch (welches nach vorrangegangener Sectio bei unter 1% liegt). Von dieser handvoll Hebammen waren zwei selbst gerade in Mutterschutz oder Karenz, zwei waren bereits ausgebucht und einer war die Anfahrt zu weit – denn alle fünf Hebammen waren etwa 2 Stunden Autofahrt von unserem Zuhause entfernt!
Also musste ich Anfang des zweiten Trimesters auf Plan B umsteigen: eine ambulante Geburt mit Nachbetreuungshebamme. Diese war schnell gefunden und wir harmonierten ab unserem ersten Treffen in der 18. Ssw.

Von Montag auf Dienstag wachte ich nachts auf und hatte ein paar regelmäßige Wehen. Ich schätze es waren nicht mehr als zehn und fühlten sich an, wie stärkere Regelschmerzen. Ich war total müde und erschöpft, hatte Schnupfen und Kopfweh und dachte nur: „Ich bin so müde, ich hab jetzt keine Lust auf eine Geburt, ich mag nur schlafen“ – und schlief auch tatsächlich wieder ein. In der Früh waren die Wehen weg, doch der Schleimpfropf löste sich beim Toilettengang und ich verlor auch kleine Mengen Fruchtwasser. Der Tag verlief ruhig und wehenfrei. Ich konnte mich ausrasten und gut auskurieren.
In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch hatte ich wieder leichte Kontraktionen, konnte danach aber weiterschlafen. In der Früh richtete ich mir, im dem Wissen, dass unser Baby wohl heute kommen wollte, im Wohnzimmer auf der Couch eine wasserfeste Unterlage und platzierte die Polster, um bequem liegen zu können. Geschätzt um halb acht musste ich aufs Klo, leichte Wehen begannen und ich verlor weiterhin Fruchtwasser. Auf der Toilette konnte ich mich gut entspannen. Als mein Darm sich geleert hatte wurden die Kontraktionen gefühlt regelmäßig und auch schnell stärker. Ich empfand es als angenehm, am Klo zu sitzen und hatte das Gefühl, gut loslassen zu können. Einerseits war ich voller Vorfreude, andererseits war ich total ruhig, als wäre es ein normaler Tag. Irgendwann hörte ich meinen Mann und unser Kind frühstücken, aber da war ich schon längst ganz mit mir selbst und damit beschäftigt, in verschiedenen Positionen zu tönen. Ich wechselte vom Klo zum Waschbecken, wo ich nach vorne gebeugt das Becken kreiste. Als mein Mann und unser Kind dann mal ins Badezimmer kamen, um nach mir zu sehen, empfand ich es als eher unangenehm. Auch unser Kind fand die Situation etwas befremdlich und daher haben sich die beiden einen schönen Vormittag im Garten gemacht, denn es war ein sehr warmer, sonniger Oktobertag. Mein Mann hatte vollstes Vertrauen in mich – das hat er mich immer spüren lassen, sodass ich seine körperliche Anwesenheit nicht benötigte. Vielleicht wollte ich unterbewusst auch, dass er sich lieber um unser Kind kümmert… Jedenfalls wollte ich alleine sein und schon bald überkam mich eine so intensive Kraft, dass ich in die tiefe Hocke ging, mich am Waschbecken anhing und sehr laut tönte. Es waren keine wirklichen Schmerzen, es war eher ein Druck bzw. etwas unbeschreiblich Kraftvolles, das mich ein wenig überrumpelte. Nach ein paar dieser Wehen war ich an dem Punkt, an dem ich nicht mehr wollte – und während ich kurz überlegte, wie ich in diesem Zustand wohl ins Krankenhaus kommen würde, da wurde mir bewusst, dass ich wohl schon in der Übergangsphase angelangt bin. Kurz darauf spürte ich starken Druck richtung Steißbein und hatte das Bedürfnis mitzuschieben. Am Boden knieend, stützte ich mich mit den Händen ab und ließ meinem Körper freien Lauf – was bedeutete, dass ich bei jeder Wehe sehr laut brüllte. Ich fühlte mich wie eine Löwin. Mein Mann schaute nochmal nach mir, brachte mir Wasser und mein Telefon und verschwand wieder im Garten. Keine Ahnung wie viele Presswehen ich hatte. Ich kann mich erinnern, dass ich mal mit der Hand gegriffen habe und Haare gespürt habe. Kurz hatte ich Bedenken, weil sich der Babykopf so weich und irgendwie schwammig anfühlte. Und ich war mir nicht sicher, ob da nicht der weiche Muttermund noch irgendwie um das Köpfchen herum war… Aber mit der nächsten Wehe spürte ich schon, dass der Kopf sich weiter schob und das Vertauen war wieder vollstens da. Als nächstes spürte ich, wie sich meine Scheide dehnte. Ehrlich gesagt erwartete ich ein Brennen, denn das hatte ich wohl irgendwo gelesen. Doch es schmerzte und brannte nicht und noch mit der selben Wehe wurde der Kopf geboren. Schnell griff ich zum Handy und rief meinen Mann rein. Währenddessen schien die Zeit still zu stehen. Es war ein seltsamer Momenent, so „zwischen den Welten“. Das Baby bewegte sich, ich legte meine Hand auf seinen Kopf und konnte sowohl innerlich als auch äußerlich die Drehung, die es machte, spüren. Zudem meckerte das Baby schon, während sein Körper noch in meinem Körper war. Mit einer letzten Wehe, etwa vier Stunden nach Wehenbeginn, flutschte unser Kleines in meine Hände und in diesem Moment kam auch mein Mann zur Tür herein.
Ich drückte das rosige, weinende Baby an meine Brust und begrüßte es. Mein Mann reichte mir ein Handtuch und wir setzten uns auf die Couch ins Wohnzimmer. Unser älteres Kind war in diesem Moment zur Tür herein gekommen und konnte so ebenfalls unser neues Familienmitglied bestaunen.Das Baby nuckelte schon bald an meiner Brust, während unser älteres Kind ihm zärtlich die Hand streichelte. Ich war total überwätigt von der Erfahrung, auch etwas erschöpft aber auf eine angenehme Weise – vielleicht vergleichbar, wenn man eine große Runde Joggen war. Wir verbrachten einige Stunden auf der Couch, nebenbei machte mein Mann im Badezimmer sauber, kochte und versorgte mich mit Trinken. Außerdem schnitt er die auspulsierte Nabelschnur durch. Er telefonierte mit der Nachsorgehebamme, welche so spontan an diesem Tag keine Zeit mehr hatte und uns bat, zur Nachsorge etwas später ins Krankenhaus zu fahren. Leider war bis am Nachmittag die Plazenta auch noch nicht geboren, weshalb der Krankenhausbesuch für uns ok war. Denn erst dort konnte ich die bereits gelöste Plazenta durch eine kurze Anweisung einer Hebamme problemlos rausdrücken.

Noch am selben Abend lag ich wach im Bett, während meine beiden Kinder und mein Mann neben mir schon schliefen und fühlte dieses unbeschreibliche Glück und diese enorme Freude und Zufriedenheit, die ich zuvor noch nicht in dieser Intensität erlebt hatte!

 

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10 Kommentare zu „Geburtsbericht Alleingeburt nach Kaiserschnitt“

  1. Das stimmt. Und es ist leider auch nicht selbstverständlich, sich Gedanken über den Geburtsort zu machen. Viele Frauen gehen automatisch von einer Krankenhausgeburt aus – dabei ist das nur eine von mehreren Möglichkeiten 🙂

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  2. Vielen lieben Dank für dein Kommentar.
    Echt schade, dass die Hausgeburt an der „fehlenden Hebamme“ gescheitert ist. Ich denke, eine Geburt kann an jedem Ort kraftvoll, schön und selbstbestimmt sein – leider wird einem das oft durchs System schwer gemacht…
    Alles Liebe

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  3. Was für ein wunderschöner Geburtsbericht. Simpel, ergreifend, so natürlich – sowohl das was du schilderst, als auch dein Schreibstil. Wir hatten bei unserem Sohn auch eine Hausgeburt geplant, mussten aber leider ins Krankenhaus, da die Versicherung der Hausgeburtshebamme ausgelaufen war (er kam zwei Wochen nach Termin). Trotzdem war die Geburt kraftvoll und schön 🙂

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  4. Ich gebe dir absolut recht. „Neid“ daher, da ich beim 1. Kind die Verantwortung, über das was geschehen würde, unbewusst an der Kreissaaltür abgab und dadurch einen Geburtsstillstand und KS erlebte. Beim 2. ging es zu schnell. Selbst für meinen Körper. Er kam mit dem Dehnen so schnell gar nicht mit. Und es waren die schmerzhaftesten Momente meines Lebens. Ich freue mich für Frauen, die positivere Geburten hatten. ABER, ich konnte mein 2. Kind mir selbst auf den Bauch legen, was wundervoll war. Und nach der 1. Geburt spürte ich meine Intuition so stark wie nie zuvor. Ich vertraute ihr endlich. Dafür bin ich sehr dankbar.

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  5. Vielen Dank für dein Kommentar!
    Ich wünschte, unsere Gesellschaft würde mit dem Thema Schwangerschaft und Geburt (und vielen anderen Themen auch) anders umgehen – dann würden keine Ängste geschürt werden und Neid und dergleichen wären nicht nötig…
    Vielleicht könnte dann jede Frau eine selbstbestimmte, schöne, kraftvolle Geburt erleben, egal ob alleine, mit vielen, zu Hause, im Geburtshaus oder im Krankenhaus etc.
    Ich finde, meine innere Stärke ist mit und während der Geburt gewachsen.
    Dir auch alles Gute!

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  6. Beeindruckend. Spannend zu lesen. Ich bin ein wenig …. Suche nach den richtigen Worten…. neidisch? Meine Geburten waren anders. Ich hätte auch nicht allein sein wollen. Aber ich lese bei dir ein tolles Körpergefühl heraus, eine große innere Stärke. Von Herzen wünsche ich Euch alles alles Gute!

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