Archiv der Kategorie: Elternschaft

wir sind da

Wir haben es aufs Buddhafield Festival geschafft. Vor knapp einem Jahr, als wir den Entschluss gefasst haben, dass es heuer soweit sein wird, waren es noch nur Luftschlösser.

Dann ging die Reise los und besser als gedacht sind wir voran gekommen. Quer durch das südliche Deutschland, Belgien, nördliche Frankreich, durch den Eurotunnel nach England und durch das südliche England bis hier her. Und jetzt sind wir da.

Ein buddhistisches Festival, vegane Speisen überwiegen deutlich den anderen. Es gibt keinerlei Alkohol, dafür umso mehr Chai-Zelte, Saftbars und buntes Gewand. In der Kids Area gibt es einen kleinen Wald mit Netzen, Trampoline, Schiffsschaukeln, Ringelspiel, Teenagerzelt mit Gitarren und im Kleinkinderbereich finden sich Sandkiste und eine Menge Spielsachen zu erkunden.

Beim Eröffnungsritual haben sich einige Briten die Rolle der keltischen Krieger und Kriegerinnen angenommen und lautstark zum Begrüßungs-OM und -tanz eingeladen.

Wir entdecken weiter und fühlen uns mal angekommen …

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Vaterkarrenz

Soderla, in meiner Arbeit staunten sie nicht schlecht, als sich herumgesprochen hat, dass ich für ein halbes Jahr in Vaterkarenz gehe. Nun, bislang waren die längsten Abwesenheiten, die sich Kollegen getraut haben weg zu bleiben, 2 Monate Vaterkarenz bzw. 7 Monate Bildungskarenz. Wobei derjenige ein Monat nach der Bildungskarenz plötzlich gekündigt hat.

Tja, bei all den schiefen Kleinigkeiten in meiner Firma, wenn jemand begründet Zeit braucht, dann bekommt man sie. Ich konnte im Monat der Geburt des Hörnchens meine Arbeitszeit auf 8h pro Woche reduzieren und danach mit 30h pro Woche eine 4-Tage Woche halten. Und 3 Tage Wochenende bringt wirklich Lebensqualität. Während der Vaterkarenz kann ich noch immer 8h pro Woche dazu verdienen, sodass wir zwar als Armutsgefährdet gelten, aber ohne Schulden trotzdem gut Leben können.

Unser Plan ist eine Europareise. Wir haben unsere Caretta – den Miniwohnwagen – verkauft und stattdessen einen mit 2 Betten und Küche ausgebauten VW Bus gekauft. Wir wollen in den Sommermonaten durch Europa bis nach England – endlich zum Buddhafield-Festival – und vielleicht Irland fahren. Auf dem Weg besuchen wir wenn möglich Freunde, die es irgendwo ins europäische Ausland gezogen hat oder andere schöne Orte.

Total Breakdown

Vor einigen Wochen hätte eine Zeit der Entspannung, Ruhe und Flucht aus dem Alltag werden sollen. Seit längerem schon verspüre ich eine unterschwellige Unzufriedenheit, denn unser Kind hat kein einfaches Temperament und sowohl ich, als auch toe, kommen gerade viel zu kurz. Eigentlich möchte ich gar nicht viel darüber schreiben, unser Hörnchen in irgendwelche Schubladen stecken oder anderweitig kategorisieren. Jedes Kind ist so wie es ist – und das ist auch gut so. Und wahrscheinlich ist jedes Kind mal mehr und mal weniger anstrengend. Wir hatten jedenfalls keines dieser ‚Anfängerbabys‘ und auch als Kleinkind sehe ich Unterschiede. Und ja, auch das ist normal, aber wenn der Großteil anders ist als unser Kind, sticht es nunmal raus. Ohne zu bewerten ob diese ‚Andersartigkeit‘ nun gut oder schlecht ist, existiert sie dennoch und bringt uns in unserem alltäglichen Leben sehr oft an unsere Grenzen.

So kam es, dass aus der so dringend benötigten Zeit der Entspannung, Ruhe und Flucht eher das Gegenteil wurde. Unser Kind war zwei Tage zuvor nämlich fiebrig und hatte scheinbar auch bei Sonnenschein und Meer innerlich noch stark mit etwas zu kämpfen. Der gemeinsame Urlaub wurde zu einer nicht aufhören wollenden Aneinanderreihung von Unzufriedenheit und Wutanfällen, welche in einer Art Zusammenbruch endete. Das klingt wahrscheinlich verwirrend, denn das war es auch. Wir alle drei haben uns verausgabt, haben uns gehen und alles raus gelassen. Es gab nicht nur Geschrei, es gab auch viele Tränen. Schön war das nicht, dennoch kann ich sagen, dass es auf irgendeine Weise gut getan hat. Ich stand nicht nur an meinen persönlichen Grenzen, nein sie wurden auch überschritten, was mich äußerst verletzlich gemacht hat.

Nach dieser Reise stiegen in mir eine Reihe von Fragen auf. Fragen der eigenen Stärken und Schwächen, Fragen über mein Verhalten und meine Verhaltensmuster, Fragen über meine Werte…

Niemals hätte ich gedacht, dass mich das Zusammenleben und das Begleiten meines Kindes so sehr an meine Grenzen bringt! Und damit meine ich nicht, dass die Versorgung oder der Umgang mit dem Zwergal sich als schwieriger herausstellte, als ich es von anderen kenne und ich es daher auch für unser Kind anders erwartet hatte. Nein, es bringt mich an die Grenzen meiner Selbst. Ich werde täglich mehrmals mit mir selbst konfrontiert, mit meinem inneren Kind, und habe dabei das Gefühl, dass diese Herausforderung eine vielfach größere ist, als ich es in meinem bisherigen Leben anderswo empfunden habe. In meinem Alltag stoße ich auf Fragen, wer ich bin und wer ich überhaupt sein möchte, es überkommen mich (affektive) Gefühle, die mir in dem Ausmaß neu sind, ich lerne und erkenne langsam, wie ich mich verhalte und versuche zu erkennen, warum ich das tue. Es ist ähnlich, wie vor ein paar Jahren, als ich mich täglich mit dem Buddhismus und Meditation beschäftigt habe, nur ist es diesmal konfrontativer und scheint unausweichlich.

Dieses Auseinandersetzen mit mir selbst habe ich in dieser Intensität nicht erwartet!

Jedes Mal, wenn Sie mit Ihrem Kind einen Konflikt haben oder wenn Sie sich verzweifelt und hilflos fühlen, ist das eine Gelegenheit, das für Ihr inneres Kind zu tun, was Ihre Eltern nicht tun konnten.

Jesper Juul, „Leitwölfe sein“, Seite 58.

Warum tun wir uns das an?

Die Frage hörte ich vor einer Weile im Radio und schwirrt mir seitdem im Kopf herum. Warum tue ich mir das an?

Wenn ich meine Gedanken einfach darüber ziehen lasse, kommen mir Zweifel an meiner Arbeit, an meiner Vaterschaft, an meiner Ehe, an meinem spirituellen Weg, an einfach allem.

Wenn ich aber bewusst über diese Frage nachdenke, wird mir klar, dass sie eine gewisses Bequemlichkeitsbedürfnis enthält, ein ziemlich egozentrisches sogar. Wenn ich mich selbst als Zentrum des Universums empfinde, dann passiert es leicht, dass ich meine Situationen mit den Selbstbildern aus Filmen, Büchern, Erzählungen oder anderen Fantasien abwäge, welchen sich mein Ego so gerne bedient. Klar entstehen dann vordergründige Zweifel. Nüchterner betrachtet, erkenne ich, dass ich genau da bin wo ich sein will.

Klar gibt es unnötig Problematisches in meiner Arbeit und die Fahrzeiten fühlen sich vermehrt als Zeitverschwendung an. Aber im wesentlichen kann ich mich dabei mit Dingen beschäftigen, die mich interessieren und faszinieren und bekomme auch noch gutes Geld für das bisserl Zeit, was ich dort verbringe.

Klar ist es manchmal kräftezehrend und deprimierend die Launen eines Kindes verständnisvoll zu begleiten und man fühlt sich manchmal einfach als der letzte Dreck. Aber das unbeschwerte Lachen in den guten Zeiten wiegt das Leiden großteils wieder auf und ob sich die Erwartung erfüllt, dass durch unserem zwanglosen Umgang eine „gute“ Beziehung zu dem selbstbewussten erwachsenen Kind erhalten bleibt, werden wir sehen.

Klar haben Cao und ich derzeit wenig Gelegenheit für uns zu sein und sehen die Belastungen des Anderen nicht immer auf Anhieb. Aber wir nehmen die Herausforderungen an ohne uns an Missverständnissen fest zu klammern oder kurfristigen emotionalen Erscheinungen mehr Wert bei zu messen als zielführend ist.

Klar kann ich im Moment wenig buddhistische Inhalte konsumieren und reflektieren oder mich in formaler Meditation üben. Aber mit den Entwicklungen, welche ich bereits hinter mir habe, kann ich auch an den Herausforderungen des Lebens achtsam wachsen, auch wenn ich es vielleicht oft nicht in Worte fassen kann.

Und das alte Haus ist alt, der große Garten ist groß und voller Zecken, das kaputte Auto lässt sich nicht profitabel verkaufen, altes Gewand bekommt Löcher, Socken halten kein halbes Jahr, wenn man Gebrauchtes ungeschaut im Internet kauft kann es reparaturbedürftig sein, die Politik adressiert Belanglosigkeiten statt Menschen- oder gar Tierrechte und Gerechtigkeit zu etablieren und die Wähler wählen aufgrund von Versprechungen anstatt aufgrund von Erfahrungen,…

Alles im allem, stecke ich mitten im Leben, das ich mir gewünscht habe, mit Risiken und Nebenwirkungen, die das echte Leben halt mit sich bringen.

Ich tue mir das an, weil sich das Leben auch nach Leben anfühlen soll!

Achtsamkeit oder doch nur Ruhe-Tourismus

Unser Hörnchen ist meist sehr umgänglich, wenn wir unterwegs sind. Wutanfälle gibt es entwicklungsbedingt natürlich schon. Bisher sind diese eigentlich immer zuhause ausgebrochen.

Heute trafen wir uns zum veganen Stammtisch im TamanGa zum Brunch. Ein wirklich schöner Frühlingstag vom Wetter her und mehrere befreundete Familien waren auch da.

Naja, der Wutausbruch war heftig und lang. Wir saßen gerade in der Wiese als es losging. Und wie immer in solchen Situation hilft kein gut Zureden oder sonst was. Also warten wir und mit viel Geduld und Zuneigung erträgt es Cao. Als unsere Freunde dann woanders hingehen möchten, weil es ihnen schon zu warm wurde, sind wir in Richtung Auto gegangen.

Tja, da lehnt sich Christoph – der stellvetretende Chef und Autor des Buches über die Daseinszeit aus seinem Balkon und brüllte uns im derben Ton an, dass es hier ein Ruheraum sei und es jetzt dann reiche.

Ich verstehe, dass das TamanGa ein Seminarzentrum mit spirituellem Einschlag ist. Aber wenn sie dort auch Familien mit Kindern haben möchten, dann müssen sie damit umgehen lernen, dass Kinder nicht immer gute Zeiten haben.

Das ist halt so. Das Leben besteht nicht nur aus Harmonie. Kein Mensch wird erleuchtet geboren. Aus buddhistischer Sicht ist es ein langer und steiniger Weg bis jemand erwacht. Und ohne Einfühlungsvermögen ist dieser Weg nicht bis zum Ende beschreitbar.

Ich denke, das macht wirklich den Unterschied aus, ob sich so ein Seminarzentrum/Hotel nur die Achtsamkeitsfahne umhängt und eigentlich nur Ruhe-Tourismus bietet oder ob dort tatsächlich Achtsamkeit gelebt wird. Wenn eine Toleranzgrenze nach knapp 30-minütigem Geschrei und offensichtlichem Abzug der Familie schon berstet, dann behaupte ich, befindet sich derjenige nicht auf einem achtsamen oder spirituellen Weg.

Das muss natürlich nicht für alle Mitglieder der Gemeinschaft gelten, aber als Chef hat es nunmal eine gewisse Wirkung.

Selbstbewusstsein

Wenn ich so zurückdenke, war für mich eine selbstbewusste Person immer so eine, die gerne im Mittelpunkt stand, ohne dabei Gefühle wie Scham, Nervosität, Angst oder Hilflosigkeit zu verspüren. Schon als Kind wurde einem ja quasi eingetrichtert, dass Selbstbewusstsein etwas Gutes ist, das man sich so schnell wie möglich aneignen sollte, falls man nicht von Natur aus eine selbstbewusste Person war. Denn nur wer den Mut hat, sich und seine Fähigkeiten zu zeigen, wird es im späteren Leben mal zu etwas bringen…

Wikipedia sagt dazu:

Allgemein wird Selbstbewusstsein als „das Überzeugtsein von seinen Fähigkeiten, von seinem Wert als Person, das sich besonders in selbstsicherem Auftreten ausdrückt“ definiert.

Und dieses selbstsichere Auftreten nahm ich immer als ’sehr laut singen obwohl man keinen einzigen Ton trifft‘ oder ‚bei allem lauthals und überzeugt mitdiskutieren auch wenn man keine Ahnung hat‘ bis hin zu ‚enge Hosen tragen auch wenn die Oberschenkenkel sehr dick sind‘ wahr – was allessamt dann mit den Worten „Na die/der hat aber ein Selbstbewusstsein“ kommentiert wurde.

Doch wie so oft lehrte mich mein Kind etwas anderes bzw. ließ mich den Begriff des Selbstbewusstseins, der umgangssprachlich meiner Meinung nach so falsch verwendet wird, neu überdenken. Denn mein Kind ist sich – vermutlich wie die meisten anderen Kinder auch – sich seiner selbst und seiner Fähigkeiten bewusst! Es ist sich bewusst, von welcher Höhe es selber runter hüpfen kann, ob das Balancieren ohne sich anzuhalten möglich ist, wie schnell es bergab laufen kann ohne zu stolpern, wann es sich in einer neuen Umgebung von uns lösen kann, ob es schon bereit ist mit einer fremden Person zu reden, ebenso wieviel es tragen kann bevor es zu schwer wird usw.

Und das, was es (noch) nicht kann, kann es einfach (noch) nicht. Da werden keine theatralischen Szenen vorgespielt, um seine nicht vorhandenen Fähigkeiten stolz heraus zu posaunen. Das Kind weiß genau, wo diesbezüglich seine Grenzen sind. Davon sollten wir Erwachsenen uns auf jeden Fall etwas abschauen!

Kannst du über deine Schubladen lachen?

Vor einiger Zeit habe ich irgendwie einen englischsprachigen Youtube-Channel entdeckt, der – wie ich finde – einige meiner Schubladen oder Egos ordentlich auf die Schippe nimmt. Einerseits übertreibt er manche Argumentationen so stark, dass ich vor Lachen platzen möchte, andererseits kritisiert er vorallem diejenigen Wichtigtuer, die einem aktuellen Trend oder einer Minderheit nur folgen um sich besser als andere hinstellen zu können.  

Das ergibt eine brisant sarkastische Mischung, welche jeden Aspekt deines Egos oder dessen Rollen anstachelt. Wer seine eigenen Schubladen testen möchte, dem versuche ich hier eine mich ansprechende Auflistung zu bieten.

Das letzte Video hat zwar keinen Bezug zu uns, aber es unterstreicht nochmals die Qualitäten des Youtubers. Denn er beantwortet eine Zuseheranfrage mit psychologischen Laien- oder Fachwissen (was weiß denn ich, wirkt jedefalls kompetent) aber auch mit offenem Herzen. Und daher finde ich das letzte Video wichtig für den Gesamteindruck.

Und an alle, die sich diese Videos angesehen haben:

  1. Hast du dich nass gemacht?
  2. Glaubst du, dass er das alles spielt, oder ist er doch auch ein bisschen so?

Jährlicher Lichterwahn

Ich frage mich, wie ich eines Tages dem Hörnchen erklären soll, warum die Menschen hier Adventbeleuchtung aufstellen. 

  • Ist es die Angst vor der erstarkenden Dunkelheit, welche versucht wird zu vertreiben?
  • Der Wille durch das Nachtleuchtenden den Sternenhimmel gänzlich zu verschleiern, um sich nicht mehr ins Bewusstsein zu rufen, wie klein man doch im Vergleich zum Universum ist?
  • Das Ego, das versucht durch eine individuelle Beleuchtungsstrategie dem Nachbarn dessen fehlende Kreativität vorzuführen?
  • Das Bedürfnis, seinen Mitmenschen aufzudrücken, wieviel Stromrechnung bezahlt werden kann?
  • Könnte es der Wunsch sein, die Umsatzzahlen des eigenen Stromanbieters zu steigern, um ihn im nationalen Ranking endlich auf Platz 1 von 5 zu sehen?
  • Womöglich doch gedankenloser Herdentrieb, ausgelöst durch den Frühen Vogel und der andauernden Konfrontation mit zielgerichteter Werbung?
  • Ist es Gewohnheit, weil seit Jahren alle Weihnachtsfilme und -serien durch Productplacement den Eindruck erwecken, die Häuser seien im Advent zu beleuchten?
  • Halten sie es gar für Brauchtum? „Ein guter <hier regionales Substantiv denken> hat immer schon im Dezember die Hütte abgefackelt.“
  • Oder is es einfach Unachtsamkeit und die Unfähigkeit gesellschaftliches Verhalten zu hinterfragen?

Wie auch immer. Möge der Konsum während der Feiertage nicht noch mehr Verteilungsungerechtigkeit in dieser Welt schaffen.

P.S.: Tibetische oder selbstgemachte bunte Fahnen schmücken ein Haus, ohne Strom zu verbrauchen.

Bücher für frische Eltern

Warum ‚frisch‘? Naja, weil die aller meisten Eltern, die ich kenne, mit jungen Kindern doch näher um die 30 oder älter sind als um die 20 oder jünger. Daher erschien mir ‚Bücher für junge Eltern‘ irgendwie unpassend.

An sich haben wir schon zwei wertvolle Bücher für Eltern empfohlen. Aktuell lese ich wieder ein Buch, das einfach perfekt zu uns passt, uns erklärt was wir fühlen und bestätigt, dass es richtig ist. Das uns auch sagt, was das Hörnchen fühlt und dass es richtig so ist. 

Und irgendwie ergänzen sich diese 3 Bücher ideal:

  1. Die selbstbestimmte Geburt – sollte man vor oder während der Schwangerschaft lesen (ich habe auf die Schnelle keinen Beitrag von uns über das Buch gefunden, daher ein Link auf das Buch über Thalia)
  2. Beyond the Sling – sollte man spätestens in den ersten Monaten des Nachwuchses lesen
  3. Liebe und Eigenständigkeit von Alfie Kohn sollte man eigentlich schon vor dem ersten Geburtstag des Mini-Menschen gelesen haben

Tja, bei uns, besser spät als nie. Soweit ich gelesen habe, beschreibt das Buch, dass dein Kind ein eigenständiger Mensch ist, dem du mit deiner ganzen Aufmerksamkeit begleitest und respektierst. Je nach Entwicklung benötigt dein Nachwuchs mehr oder weniger Achtsamkeit. Spätestens bei Konflikten sollte man sich in die Perspektive des Kindes begeben damit man versteht, was den Konflikt ausgelöst haben könnte. Aber Auszeiten, Bestrafungen und auch Belohnungen sind keine hilfreichen Erziehungsmethoden. 

Ja, auch Belohnungen helfen nicht, dass ein Kind etwas aus eigenem Antrieb gut findet. Das war eine schwere Lektion für mein Ego, aber es stimmt schon, dass es einfach nur die andere Seite derselben Medaille ist. Dein Kind ist aber kein Hund und möchte auch nicht so trainiert werden. Kinder wollen sich entfalten, sich selbst und ihre Umwelt kennen lernen. Und weil wir ihnen das ermöglichen, können sie auch unsere Hilfe annehmen, um sich in dieser Welt zurecht zu finden. 

Bedingunslose Liebe ist der Schlüssel. Unsere Kinder sollen sich von uns geliebt fühlen, nicht kontrolliert oder bestraft wenn sie etwas falsch gemacht haben. Als Eltern sind wir der sichere Hafen, wo man angenommen wird, wie man ist. Und das bedeutet nicht, dass man mit Geschenken, Ablenkungen oder Belohnungen überhäuft wird. Eher zuhören und beobachten und zualler erst sein eigenes Verhalten – das der Eltern – korrigieren. 

Wir haben bereits die Erfahrung gemacht, mit noch frischeren Eltern als wir es sind, welche versuchen ihr Kind durch einen sehr strengen Ton und einem böse verzogenen Gesicht vor einer vermeindlichen Gefahrenquelle zu schützen. Aus der Sicht des Kindes verhindern dessen Eltern die Neugierde an einem nicht aktiven Schwedenofen, die vermeindliche Gefahrenquelle, zu stillen. Stattdessen scheint es, dass die Eltern jetzt plötzlich auch noch verärgert oder wütend sind. Kein Wunder, dass sich ihr Kind in dieser Situation, vielleicht auch noch in einer fremden und ungewohnten Umgebung, nicht mehr wohl fühlt.

Ich hoffe, das war jetzt nicht zu kompliziert ausgedrückt. Jedenfalls gibt es bei dieser Familie nur eine Kochplatte, die noch außerhalb der Erreichbarkeit des Kindes liegt. Unser Hörnchen musste stattdessen bereits mit den ersten unterstützenden Schritten lernen, dass man sich an unserem Tischherd auch an allen Seiten verbrennen kann. Es dem Hörnchen schlichtweg zu verbieten, dem Herd in jeglicher Situation nahe zu kommen, wäre aus unserer Sicht nicht sinnvoll gewesen. Wissenschaftliche Statistiken aus dem Buch legen nahe, dass durch strenge elterliche Kontrolle und Maßregelung die Wahrscheinlichkeit steigt, dass das Kind in unserer Abwesenheit gerade das Verbotene tun wird. 

Das bestärkt uns, dass wir damals gefühlsmäßig richtig gehandelt haben. Wir haben das Hörnchen mit viel Einfühlungsvermögen vor den Gefahren gewarnt, gezeigt wie man die Risiken abschätzt, nicht-lebensbedrohliche Erfahrungen sammeln lassen und wenn es sich erschreckt oder verletzt hat, dann waren wir sofort mit tröstendem Verhalten zur Stelle. Nachdem es sich beruhigt hatte, konnten wir die Situation nochmal reflektieren und die Gefahren verbalisieren. 

Ich vertraue meinem Kind, dass es mittlerweile weiß, wie es sich bei einem Ofen, unabhängig davon ob darin ein Feuer brennt oder nicht, verhalten kann.

Veganes Kind und die erweiterte Familie

Vorab, per Definition isst unser Hörnchen nicht vegan, da menschliche Muttermilch von einem Säugetier stammt und somit nicht rein pflanzlich ist. Ganz egal ob die Mumi von einer sich vegan ernährenden Mutter stammt oder nicht. Es ist das gesündeste für das kleine Menschlein und für uns braucht es hier keinen Platz für das vegane Gütesiegel. 

Aber das heißt nicht, dass wir dem Hörnchen ansonsten etwas nicht Veganes geben wollen. Wenn es das mal kosten möchte, dann soll es das tun, aber wir werden das nicht besonders fördern, wegen den für Veganer bekannten Gründen. 

Ungünstigerweise sind in unserem erweiterten Familienkreis, also alle außer uns drei, die Veganen so spährlich gesäht wie Wassermelonen in der Sahara. Somit sind Verständnis und Rücksichtnahme relativ gering und dadurch unsere Motivation sich dem auszusetzen etwas abgängig.

Wir leben dem Hörnchen vor, dass man sich von Gemüse, Obst und Getreide gesund ernährt. Süßigkeiten gibt es auch, aber weder regelmäßig noch als Belohnung. Das Hörnchen kostet davon ein paar Bissen und für gewöhnlich verfliegt damit auch gleich das Interesse. Mumi ist ja auch viel viel besser.

Was mich dann an familiären Besuchen stört ist – abgesehen von der ewigen Rechtfertigungspflicht – dass die sich nicht-veganes und meist auch ungesundes Zeug kaufen und in unser Nest schleppen. Da liegt es dann achtlos herum und – weil sich das Hörnchen ja für alles interessiert – wird das dann versucht mit süßen Ablenkungen auszuweichen. 

Manchmal kotzt mich die Respektlosigkeit gegenüber unserem Lebensstiel einfach nur an. Wenn sie unser Zeugs essen, finden sie es immer köstlich und dennoch bringen sie ihren ‚Fraß‘ mit und wundern sich dann, das es zu einem Problem wird. Ich finde es weder witzig, wenn das Hörnchen absichtlich verwirrt wird, damit es das Interesse an etwas verliert, noch dass dafür Süßigkeiten als Belohnung eingesetzt werden.

Und letztens musste ich sogar ein halbes Burgerlaibchen am Kompost werfen, weil man das ja unbedingt vom Restaurant mitnehmen musste aber aus der Mikrowelle – ja sowas verwenden wir manchmal – schmeckt das natürlich nach altem Arsch und die Restmülltonne war nicht da, weil am nächsten Tag Abholung war. Und die fahren nur für uns nicht den Berg hinauf, deshalb müssen wir die Tonne fast einen Kilometer runter bringen.

Ja, sowas stört mich. Sollen sie Leichenteile essen oder geraubte entnaturalisierte Kuhmilch trinken, wenn es ihnen egal ist. Aber sie sollen uns damit verschonen.