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Alleingeburt

Fast drei Monate ist es schon her, dass unser Eulchen geschlüpft ist. Ich habe bereits einen fast fertigen Geburtsbericht, der sehr lang und ausführlich ist aber einfach nicht zum Ende finden will. Daher hier die Kurzfassung.

Schon bei unserem Hörnchen planten wir eine Hausgeburt, was leider in einem geplanten Kaiserschnitt endete, da ich keinen Arzt finden konnte, der mich als Erstgebärende mit einem Kind in BEL und Nabelschnurumschlingung bei einer spontanen Geburt begleiten wollte. Es war ein recht „schöner“ Kaiserschnitt in relativ ruhiger Atmosphäre, mit viel Zeit fürs Bonding und wir wurden immer über die nächsten Schritte aufgeklärt.

Als ich wieder schwanger wurde war uns klar: diesmal Hausgeburt! Allerdings gibt es in Österreich scheinbar nur eine handvoll Hebammen, welche eine Hausgeburt nach Kaiserschnitt begleiten. Ich hatte Kontakt zu fünf, welche mir alle abgesagt haben – entweder bereits ausgebucht, selbst in Karenz oder zu weit entfernt (alle fünf Hebammen hatten eine Anfahrtszeit von etwa zwei Stunden!).

Also blieb mir nur die Möglichkeit einer ambulanten Geburt mit Nachbetreuungshebamme. Doch mit fortschreitender Schwangerschaft wurde die Stimme in mir immer lauter und als ich mit meinem Mann über eine mögliche Alleingeburt redete, hat er es sofort als gute Option gesehen.

Die Geburt ging recht zügig, war sehr kraftvoll und intensiv aber nicht unbedingt schmerzhaft. Ich war alleine im Badezimmer und wusste zu keiner Zeit den Wehenabstand oder die Öffnung des Muttermundes. Mein Körper und unser Baby haben alles in ihrem eigenen Tempo gemacht, ich konnte mich voll auf mich konzentrieren und hatte zu keiner Zeit Bedenken. Es war das kraftvollste und intensivste Erlebnis und gleichzeitig fühlte ich mich, als wäre es das Normalste der Welt!

Gleich danach konnten wir uns als Familie kennenlernen und das Baby willkommen heißen und begutachten. Einige Stunden später sind wir noch zur Nachkontrolle ins Krankenhaus gefahren um uns danach zu Hause zu viert ins Bett zu kuscheln.

Obwohl mein Mann physisch nicht anwesend war – er ist mit unserem Kind in den Garten gegangen, da dieses nicht dabei sein wollte und ich mich ehrlichgesagt auch gestört fühlte – war er stets eine große Stütze! Er hat mich immer unterstützt und mir vollstes Vertrauen geschenkt, sodass ich auch selbst wirklich überzeugt war es alleine zu schaffen.

Allerdings finde ich es auch sehr schade, dass ich diesen Weg gehen „musste“. Vielen Frauen bleibt so ein wundervolles Geburtserlebnis verwehrt, da es zu wenig Unterstützung von Ärzten gibt und die Situation für Hebammen rechtlich recht kompliziert und schwierig ist. Und nicht jede Frau traut sich eine Alleingeburt zu.

Seit ich ein Kind hab – von Christoph und Lollo

https://youtu.be/OGe0jBgS3Ow

Seit ich ein Kind hab,
hab ich ne Jahreskarte für den Zoo.
Seit ich ein Kind hab,
hör ich klassische Musik im Radio.
Seit ich ein Kind hab,
kauf ich ständig Bio Lebensmittel ein.
Seit ich ein Kind hab,
lern ich nett zu meinen Mitbürgern zu sein.
Seit ich ein Kind hab,
lächeln mir wildfremde Menschen einfach zu.
Seit ich ein Kind hab,
mach ich Früchtekuchen statt Tiramisu .
Seit ich ein Kind hab,
geht’s mir immer bestens, vielen Dank.
Seit ich ein Kind hab,
hab ich Augenringe und bin immer ständig krank.
Seit ich ein Kind hab,
pass ich nicht mehr in die engen Hosen rein.
Seit ich ein Kind hab,
spucke auf dem Arm und Rotz am Bein.
Seit ich ein Kind hab,
vertrag ich keinen Alkohol mehr.
Seit ich ein Kind hab,
respektiere ich Nichtraucher.
Seit ich ein Kind hab,
hasse ich Hundebesitzer.
Seit ich ein Kind hab,
hassen mich Hundebesitzer.

Seit dem ich ein Kind hab,
bekomm ich keine Osterhasen mehr, ich kauf sie selber und verpack sie, und dann schenke ich sie her.

Seit ich ein Kind hab,
sag ich nicht mehr Kot und Harn.
Seit ich ein Kind hab,
sag ich Kacki und Lulu.

Seit dem ich ein Kind hab,
verfluch ich Hello Kitty und ich hasse Winnetou.

Seit ich ein Kind hab,
glauben Leute dass man mir vertrauen kann.
Seit ich ein Kind hab,
schrei ich regelmäßig Autofahrer an.
Seit ich ein Kind hab,
hab ich immer einen Haufen Obst im Haus.
Seit ich ein Kind hab,
kenn ich mich im Ikea aus.
Seit ich ein Kind hab,
hat mein Badewasser 37 Grad.
Seit ich ein Kind hab,
weiß ich welches Gasthaus einen Hochstuhl hat.
Seit ich ein Kind hab,
ekelt mir vor überhaupt nichts mehr.
Seit ich ein Kind hab,
liebe ich meinen Geschirrspüler.
Seit ich ein Kind hab,
denk ich was hat sich der Architekt gedacht.
Seit ich ein Kind hab,
frag ich mich welches Geräusch der Fuchs wohl macht.
Seit ich ein Kind hab,
seh ich ständig über all Gefahr.
Seit ich ein Kind hab,
krieg ich Mitleid vom kinderlosen Paar.
Seit ich ein Kind hab,
muss ich Igel überwintern.
Seit ich ein Kind hab,
hab ich einen fetten Hintern.
Seit ich ein Kind hab,
weiß ich nicht mehr was nach 11 im Fernsehn ist, und brauche 3 mal so viel Strom und mache 10 mal so viel Mist.
Seit ich ein Kind hab,
sag ich mein Kind kann das schon, aha dein Kind kann das also noch nicht.
Seit dem ich ein Kind hab,
hab ich mich daran gewöhnt, dass es bei mir immer nach irgendetwas riecht.
Seit ich ein Kind hab,
laufen mir das Bier und die Kondome ab.
Seit ich ein Kind hab,
finde ich dass ich ein Recht auf einen Sitzplatz hab.
Seit ich ein Kind hab,
brauch ich meinen Wecker nicht mehr stelln.
Seit ich ein Kind hab,
benutze ich den Fahrradhelm.
Seit ich ein Kind hab,
hab ich immer einen Grund früher zu gehn.
Seit ich ein Kind hab,
hab ich keinen einzgen Horrorfilm gesehn.
Seit ich ein Kind hab,
muss Geschlechtsverkehr geplant werden.
Seit ich ein Kind hab,
vesretecke ich die Schokolade, denn
Seit ich ein Kind hab,
gehört mein Essen nicht mehr mir.
Seit ich ein Kind hab,
sag ich nicht mehr „ich“, ich sage nur noch „wir“
Seit ich ein Kind hab,
gehen alle meine Zimmerpflanzen ein.
Seit ich ein Kind hab,
steig ich ständig auf was drauf und in was rein.
Seit ich ein Kind hab,
fürchte ich den Herzinfarkt.
Seit ich ein Kind hab,
stehle ich im Supermarkt.
Seit ich ein Kind hab,
hab ich in der Debatte eine Meinung, meine Mutter nimmt mich ernst und läd mich jeden Sonntag ein
und
Seit ich ein Kind hab,
muss ich ständig etwas tun und mein Kalender ist fürs ganze Jahr schon voll.
Seid dem ich ein Kind hab,
ramm ich Leute mit dem Buggy, alte Menschen finden mich trotzdem ganz toll.
Seit ich ein Kind hab,
bin ich glücklich und zufrieden, ja mein altes Leben geht mir niemals ab.
Und seit dem ich ein Kind hab red ich gerne über mich und ich beginne jeden zweiten Satz mit „seit ich ein Kind hab.“

Ein großer Zentner Wahrheit, ein bisserl Übertreibung und eine Prise Satiere. Wie so viele Lieder von dieser österreichischen Band trifft auch dieses den Nagel auf den Kopf.

Ein High-Need Baby…

Toe und ich mögen es nicht, Menschen in Schubladen zu stecken. Denn das Problem dabei ist, sobald man jemanden in eine Schublade gesteckt hat, ist es sehr schwer, ihn da wieder raus zu bekommen. Gerade bei Babys und Kindern, die sich ja irgendwie ständig weiterentwickeln und verändern, sind solche Einteilungen kritisch zu betrachten.
Dennoch möchte ich heute über unsere Erfahrungen mit unserem mittlerweile zweieinhalbjährigen Kind schreiben. Es war ein langer Prozess, bis wir den Entschluss gefasst haben, auch öffentlich von unserem Kind als ‚high-need Kind‘ zu sprechen. Heutzutage, so empfinde ich es, hat fast jeder ein besonders besonderes Kind, das entweder hochsensibel, high-need, hochbegabt oder hyperaktiv etc. ist. Oft sogar mehreres davon gleichzeitig. Ich möchte hier niemandem zu nahe treten, falls dies wirklich der Fall sein sollte! Und natürlich ist für alle Eltern der eigene Nachwuchs was ganz Besonderes. Worauf ich hinaus möchte ist lediglich die ständige Überbewertung des Kindes: Ist es am Nachmittag laut, rennt wild herum und möchte nicht still beim Esstisch sitzen, wird es als hyperaktiv bezeichnet. Wenn ein Baby sich in fremder Umgebung mit vielen Leuten unwohl fühlt und weint, muss es natürlich hochsensibel sein.

Oft wirkt es auch so, als wären wir Eltern nicht sehr stressresistent und normale kindliche Verhaltensweisen bringen uns schnell auf die Palme. Hierfür eine Art Ausrede zu haben, nach dem Motto:“ich bin so gestresst, mein Kind ist ja auch besonders schwierig“ ist wohl ein Weg, selber besser damit klar zu kommen.

Ich denke, ein Baby oder Kleinkind zu haben, ist auf alle Fälle stressig! Egal, welches Temperament es hat, es wird immer fordernde Situationen geben. Außerdem haben wir Eltern ja ganz unterschiedliche Stressresistenzen. Was für den einen eine Lapalie ist, kann für einen anderen ein Weltuntergang sein.

Ich hatte jedenfalls eine sehr entspannte und beschwerdefreie Schwangerschaft und eine recht stressfreie Geburt. Wir waren von Anfang an sehr gelassen, ich hatte keine Zweifel oder Ängste und wir haben uns naiverweise vorgestellt, dass man auch mit Baby sein altes Leben großteils weiterführen kann. Wir wollten die lässigen Eltern sein, die ihr Kind zur Meditation und zum Yoga mitnehmen würden, abends Freunde besuchen würden, während das Baby etwas abseits schläft und bei alltäglichen Situationen wie Einkaufen, Haushalt, Besuchen, Essen gehen usw. einfach dabei war. Schließlich kannte ich es auch nicht anders: die Kinder aus meiner Verwandtschaft waren recht ‚pflegeleicht‘ – haben fast immer und überall einfach geschlafen, wenn sie müde waren, ließen sich von den meisten Erwachsenen herumtragen und unterhalten oder lagen friedlich in ihrem Stubenwagen oder spielend auf der Spieldecke.

Jedenfalls waren Toe und ich von Anfang an sehr gefordert mit unserem Baby…

Hier hatte ich bereits einen langen Absatz geschrieben, warum unser Kind ein high-need Baby war und ist. Etliche Beispiele sind mir eingefallen, warum sich unser Zwergal beim Stillen der Bedürfnisse von den anderen, die wir kennen, unterscheidet. Doch das war keinesfalls, worauf ich hinaus wollte.

Denn das größte Problem, das ich dabei empfinde, ist die Tatsache, dass wir kaum Verständnis für unsere Situation erhalten! Selbst von Verwandten und Bekannten sowie Freunden kamen oftmals nur Sprüche oder Ratschläge, die uns – wenn auch nicht absichtlich und böswillig gemeint – das Gefühl gegeben haben, dass wir mit unserem Kind falsch umgehen. Dass wir es falsch ‚erziehen‘, verwöhnen, verhätscheln, nicht loslassen können. Ich habe in den zweieinhalb Jahren mit unserem Zwergal nicht einmal unterstützende Worte erhalten. Allerhöchstens mal abgedroschene Phrasen wie:“das geht auch irgendwann vorbei“. Aber keiner interessiert sich, warum wir es so machen, wie wir es machen. Warum unsere Art vielleicht eine andere ist oder warum wir – wie in vielen anderen Lebensbereichen auch – nicht den „konventionellen“ Weg gehen. Denn auch wenn man es nicht glauben mag, die schwarze Pädagogik, oder zumindest Teile davon, sind auch in der heutigen Zeit leider noch Gang und Gebe…

Mir fehlt es sehr, mich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Mir fehlt es, nicht bei jedem Gespräch auf diese Widerstände zu treffen. Und ich meine nicht online, sondern im wahren Leben. Zusätzlich zu unserem Kind raubt mir das wirklich wahnsinnig viel an Energie!

So, das musste nun endlich mal raus. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich ausdrücken konnte, was mich bedrückt…

wir sind da

Wir haben es aufs Buddhafield Festival geschafft. Vor knapp einem Jahr, als wir den Entschluss gefasst haben, dass es heuer soweit sein wird, waren es noch nur Luftschlösser.

Dann ging die Reise los und besser als gedacht sind wir voran gekommen. Quer durch das südliche Deutschland, Belgien, nördliche Frankreich, durch den Eurotunnel nach England und durch das südliche England bis hier her. Und jetzt sind wir da.

Ein buddhistisches Festival, vegane Speisen überwiegen deutlich den anderen. Es gibt keinerlei Alkohol, dafür umso mehr Chai-Zelte, Saftbars und buntes Gewand. In der Kids Area gibt es einen kleinen Wald mit Netzen, Trampoline, Schiffsschaukeln, Ringelspiel, Teenagerzelt mit Gitarren und im Kleinkinderbereich finden sich Sandkiste und eine Menge Spielsachen zu erkunden.

Beim Eröffnungsritual haben sich einige Briten die Rolle der keltischen Krieger und Kriegerinnen angenommen und lautstark zum Begrüßungs-OM und -tanz eingeladen.

Wir entdecken weiter und fühlen uns mal angekommen …

Vaterkarrenz

Soderla, in meiner Arbeit staunten sie nicht schlecht, als sich herumgesprochen hat, dass ich für ein halbes Jahr in Vaterkarenz gehe. Nun, bislang waren die längsten Abwesenheiten, die sich Kollegen getraut haben weg zu bleiben, 2 Monate Vaterkarenz bzw. 7 Monate Bildungskarenz. Wobei derjenige ein Monat nach der Bildungskarenz plötzlich gekündigt hat.

Tja, bei all den schiefen Kleinigkeiten in meiner Firma, wenn jemand begründet Zeit braucht, dann bekommt man sie. Ich konnte im Monat der Geburt des Hörnchens meine Arbeitszeit auf 8h pro Woche reduzieren und danach mit 30h pro Woche eine 4-Tage Woche halten. Und 3 Tage Wochenende bringt wirklich Lebensqualität. Während der Vaterkarenz kann ich noch immer 8h pro Woche dazu verdienen, sodass wir zwar als Armutsgefährdet gelten, aber ohne Schulden trotzdem gut Leben können.

Unser Plan ist eine Europareise. Wir haben unsere Caretta – den Miniwohnwagen – verkauft und stattdessen einen mit 2 Betten und Küche ausgebauten VW Bus gekauft. Wir wollen in den Sommermonaten durch Europa bis nach England – endlich zum Buddhafield-Festival – und vielleicht Irland fahren. Auf dem Weg besuchen wir wenn möglich Freunde, die es irgendwo ins europäische Ausland gezogen hat oder andere schöne Orte.

Total Breakdown

Vor einigen Wochen hätte eine Zeit der Entspannung, Ruhe und Flucht aus dem Alltag werden sollen. Seit längerem schon verspüre ich eine unterschwellige Unzufriedenheit, denn unser Kind hat kein einfaches Temperament und sowohl ich, als auch toe, kommen gerade viel zu kurz. Eigentlich möchte ich gar nicht viel darüber schreiben, unser Hörnchen in irgendwelche Schubladen stecken oder anderweitig kategorisieren. Jedes Kind ist so wie es ist – und das ist auch gut so. Und wahrscheinlich ist jedes Kind mal mehr und mal weniger anstrengend. Wir hatten jedenfalls keines dieser ‚Anfängerbabys‘ und auch als Kleinkind sehe ich Unterschiede. Und ja, auch das ist normal, aber wenn der Großteil anders ist als unser Kind, sticht es nunmal raus. Ohne zu bewerten ob diese ‚Andersartigkeit‘ nun gut oder schlecht ist, existiert sie dennoch und bringt uns in unserem alltäglichen Leben sehr oft an unsere Grenzen.

So kam es, dass aus der so dringend benötigten Zeit der Entspannung, Ruhe und Flucht eher das Gegenteil wurde. Unser Kind war zwei Tage zuvor nämlich fiebrig und hatte scheinbar auch bei Sonnenschein und Meer innerlich noch stark mit etwas zu kämpfen. Der gemeinsame Urlaub wurde zu einer nicht aufhören wollenden Aneinanderreihung von Unzufriedenheit und Wutanfällen, welche in einer Art Zusammenbruch endete. Das klingt wahrscheinlich verwirrend, denn das war es auch. Wir alle drei haben uns verausgabt, haben uns gehen und alles raus gelassen. Es gab nicht nur Geschrei, es gab auch viele Tränen. Schön war das nicht, dennoch kann ich sagen, dass es auf irgendeine Weise gut getan hat. Ich stand nicht nur an meinen persönlichen Grenzen, nein sie wurden auch überschritten, was mich äußerst verletzlich gemacht hat.

Nach dieser Reise stiegen in mir eine Reihe von Fragen auf. Fragen der eigenen Stärken und Schwächen, Fragen über mein Verhalten und meine Verhaltensmuster, Fragen über meine Werte…

Niemals hätte ich gedacht, dass mich das Zusammenleben und das Begleiten meines Kindes so sehr an meine Grenzen bringt! Und damit meine ich nicht, dass die Versorgung oder der Umgang mit dem Zwergal sich als schwieriger herausstellte, als ich es von anderen kenne und ich es daher auch für unser Kind anders erwartet hatte. Nein, es bringt mich an die Grenzen meiner Selbst. Ich werde täglich mehrmals mit mir selbst konfrontiert, mit meinem inneren Kind, und habe dabei das Gefühl, dass diese Herausforderung eine vielfach größere ist, als ich es in meinem bisherigen Leben anderswo empfunden habe. In meinem Alltag stoße ich auf Fragen, wer ich bin und wer ich überhaupt sein möchte, es überkommen mich (affektive) Gefühle, die mir in dem Ausmaß neu sind, ich lerne und erkenne langsam, wie ich mich verhalte und versuche zu erkennen, warum ich das tue. Es ist ähnlich, wie vor ein paar Jahren, als ich mich täglich mit dem Buddhismus und Meditation beschäftigt habe, nur ist es diesmal konfrontativer und scheint unausweichlich.

Dieses Auseinandersetzen mit mir selbst habe ich in dieser Intensität nicht erwartet!

Jedes Mal, wenn Sie mit Ihrem Kind einen Konflikt haben oder wenn Sie sich verzweifelt und hilflos fühlen, ist das eine Gelegenheit, das für Ihr inneres Kind zu tun, was Ihre Eltern nicht tun konnten.

Jesper Juul, „Leitwölfe sein“, Seite 58.

Warum tun wir uns das an?

Die Frage hörte ich vor einer Weile im Radio und schwirrt mir seitdem im Kopf herum. Warum tue ich mir das an?

Wenn ich meine Gedanken einfach darüber ziehen lasse, kommen mir Zweifel an meiner Arbeit, an meiner Vaterschaft, an meiner Ehe, an meinem spirituellen Weg, an einfach allem.

Wenn ich aber bewusst über diese Frage nachdenke, wird mir klar, dass sie eine gewisses Bequemlichkeitsbedürfnis enthält, ein ziemlich egozentrisches sogar. Wenn ich mich selbst als Zentrum des Universums empfinde, dann passiert es leicht, dass ich meine Situationen mit den Selbstbildern aus Filmen, Büchern, Erzählungen oder anderen Fantasien abwäge, welchen sich mein Ego so gerne bedient. Klar entstehen dann vordergründige Zweifel. Nüchterner betrachtet, erkenne ich, dass ich genau da bin wo ich sein will.

Klar gibt es unnötig Problematisches in meiner Arbeit und die Fahrzeiten fühlen sich vermehrt als Zeitverschwendung an. Aber im wesentlichen kann ich mich dabei mit Dingen beschäftigen, die mich interessieren und faszinieren und bekomme auch noch gutes Geld für das bisserl Zeit, was ich dort verbringe.

Klar ist es manchmal kräftezehrend und deprimierend die Launen eines Kindes verständnisvoll zu begleiten und man fühlt sich manchmal einfach als der letzte Dreck. Aber das unbeschwerte Lachen in den guten Zeiten wiegt das Leiden großteils wieder auf und ob sich die Erwartung erfüllt, dass durch unserem zwanglosen Umgang eine „gute“ Beziehung zu dem selbstbewussten erwachsenen Kind erhalten bleibt, werden wir sehen.

Klar haben Cao und ich derzeit wenig Gelegenheit für uns zu sein und sehen die Belastungen des Anderen nicht immer auf Anhieb. Aber wir nehmen die Herausforderungen an ohne uns an Missverständnissen fest zu klammern oder kurfristigen emotionalen Erscheinungen mehr Wert bei zu messen als zielführend ist.

Klar kann ich im Moment wenig buddhistische Inhalte konsumieren und reflektieren oder mich in formaler Meditation üben. Aber mit den Entwicklungen, welche ich bereits hinter mir habe, kann ich auch an den Herausforderungen des Lebens achtsam wachsen, auch wenn ich es vielleicht oft nicht in Worte fassen kann.

Und das alte Haus ist alt, der große Garten ist groß und voller Zecken, das kaputte Auto lässt sich nicht profitabel verkaufen, altes Gewand bekommt Löcher, Socken halten kein halbes Jahr, wenn man Gebrauchtes ungeschaut im Internet kauft kann es reparaturbedürftig sein, die Politik adressiert Belanglosigkeiten statt Menschen- oder gar Tierrechte und Gerechtigkeit zu etablieren und die Wähler wählen aufgrund von Versprechungen anstatt aufgrund von Erfahrungen,…

Alles im allem, stecke ich mitten im Leben, das ich mir gewünscht habe, mit Risiken und Nebenwirkungen, die das echte Leben halt mit sich bringen.

Ich tue mir das an, weil sich das Leben auch nach Leben anfühlen soll!

Achtsamkeit oder doch nur Ruhe-Tourismus

Unser Hörnchen ist meist sehr umgänglich, wenn wir unterwegs sind. Wutanfälle gibt es entwicklungsbedingt natürlich schon. Bisher sind diese eigentlich immer zuhause ausgebrochen.

Heute trafen wir uns zum veganen Stammtisch im TamanGa zum Brunch. Ein wirklich schöner Frühlingstag vom Wetter her und mehrere befreundete Familien waren auch da.

Naja, der Wutausbruch war heftig und lang. Wir saßen gerade in der Wiese als es losging. Und wie immer in solchen Situation hilft kein gut Zureden oder sonst was. Also warten wir und mit viel Geduld und Zuneigung erträgt es Cao. Als unsere Freunde dann woanders hingehen möchten, weil es ihnen schon zu warm wurde, sind wir in Richtung Auto gegangen.

Tja, da lehnt sich Christoph – der stellvetretende Chef und Autor des Buches über die Daseinszeit aus seinem Balkon und brüllte uns im derben Ton an, dass es hier ein Ruheraum sei und es jetzt dann reiche.

Ich verstehe, dass das TamanGa ein Seminarzentrum mit spirituellem Einschlag ist. Aber wenn sie dort auch Familien mit Kindern haben möchten, dann müssen sie damit umgehen lernen, dass Kinder nicht immer gute Zeiten haben.

Das ist halt so. Das Leben besteht nicht nur aus Harmonie. Kein Mensch wird erleuchtet geboren. Aus buddhistischer Sicht ist es ein langer und steiniger Weg bis jemand erwacht. Und ohne Einfühlungsvermögen ist dieser Weg nicht bis zum Ende beschreitbar.

Ich denke, das macht wirklich den Unterschied aus, ob sich so ein Seminarzentrum/Hotel nur die Achtsamkeitsfahne umhängt und eigentlich nur Ruhe-Tourismus bietet oder ob dort tatsächlich Achtsamkeit gelebt wird. Wenn eine Toleranzgrenze nach knapp 30-minütigem Geschrei und offensichtlichem Abzug der Familie schon berstet, dann behaupte ich, befindet sich derjenige nicht auf einem achtsamen oder spirituellen Weg.

Das muss natürlich nicht für alle Mitglieder der Gemeinschaft gelten, aber als Chef hat es nunmal eine gewisse Wirkung.

Selbstbewusstsein

Wenn ich so zurückdenke, war für mich eine selbstbewusste Person immer so eine, die gerne im Mittelpunkt stand, ohne dabei Gefühle wie Scham, Nervosität, Angst oder Hilflosigkeit zu verspüren. Schon als Kind wurde einem ja quasi eingetrichtert, dass Selbstbewusstsein etwas Gutes ist, das man sich so schnell wie möglich aneignen sollte, falls man nicht von Natur aus eine selbstbewusste Person war. Denn nur wer den Mut hat, sich und seine Fähigkeiten zu zeigen, wird es im späteren Leben mal zu etwas bringen…

Wikipedia sagt dazu:

Allgemein wird Selbstbewusstsein als „das Überzeugtsein von seinen Fähigkeiten, von seinem Wert als Person, das sich besonders in selbstsicherem Auftreten ausdrückt“ definiert.

Und dieses selbstsichere Auftreten nahm ich immer als ’sehr laut singen obwohl man keinen einzigen Ton trifft‘ oder ‚bei allem lauthals und überzeugt mitdiskutieren auch wenn man keine Ahnung hat‘ bis hin zu ‚enge Hosen tragen auch wenn die Oberschenkenkel sehr dick sind‘ wahr – was allessamt dann mit den Worten „Na die/der hat aber ein Selbstbewusstsein“ kommentiert wurde.

Doch wie so oft lehrte mich mein Kind etwas anderes bzw. ließ mich den Begriff des Selbstbewusstseins, der umgangssprachlich meiner Meinung nach so falsch verwendet wird, neu überdenken. Denn mein Kind ist sich – vermutlich wie die meisten anderen Kinder auch – sich seiner selbst und seiner Fähigkeiten bewusst! Es ist sich bewusst, von welcher Höhe es selber runter hüpfen kann, ob das Balancieren ohne sich anzuhalten möglich ist, wie schnell es bergab laufen kann ohne zu stolpern, wann es sich in einer neuen Umgebung von uns lösen kann, ob es schon bereit ist mit einer fremden Person zu reden, ebenso wieviel es tragen kann bevor es zu schwer wird usw.

Und das, was es (noch) nicht kann, kann es einfach (noch) nicht. Da werden keine theatralischen Szenen vorgespielt, um seine nicht vorhandenen Fähigkeiten stolz heraus zu posaunen. Das Kind weiß genau, wo diesbezüglich seine Grenzen sind. Davon sollten wir Erwachsenen uns auf jeden Fall etwas abschauen!

Kannst du über deine Schubladen lachen?

Vor einiger Zeit habe ich irgendwie einen englischsprachigen Youtube-Channel entdeckt, der – wie ich finde – einige meiner Schubladen oder Egos ordentlich auf die Schippe nimmt. Einerseits übertreibt er manche Argumentationen so stark, dass ich vor Lachen platzen möchte, andererseits kritisiert er vorallem diejenigen Wichtigtuer, die einem aktuellen Trend oder einer Minderheit nur folgen um sich besser als andere hinstellen zu können.  

Das ergibt eine brisant sarkastische Mischung, welche jeden Aspekt deines Egos oder dessen Rollen anstachelt. Wer seine eigenen Schubladen testen möchte, dem versuche ich hier eine mich ansprechende Auflistung zu bieten.

Das letzte Video hat zwar keinen Bezug zu uns, aber es unterstreicht nochmals die Qualitäten des Youtubers. Denn er beantwortet eine Zuseheranfrage mit psychologischen Laien- oder Fachwissen (was weiß denn ich, wirkt jedefalls kompetent) aber auch mit offenem Herzen. Und daher finde ich das letzte Video wichtig für den Gesamteindruck.

Und an alle, die sich diese Videos angesehen haben:

  1. Hast du dich nass gemacht?
  2. Glaubst du, dass er das alles spielt, oder ist er doch auch ein bisschen so?