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Er oder sie?

Eigentlich egal oder? Immer wieder werden wir das gefragt. So klein wie das Hörnchen ist, ist der einzige Unterschied nur beim Windelwechseln feststellbar! Und wen interessiert das bitte ob ich eine Falte oder ein Zupfi reinige.

Cao und ich, wir sind ziemlich bunte Vögel. Farben machen das Leben froh und wir mögen viele Farben. Unser Hörnchen bekommt allerdings von uns normalerweise kein neues Gewand gekauft. Wir bekommen dankenswerterweise immer wieder gebrauchte Kleidung von Freunden  geschenkt oder geborgt. Und da ist uns das auch sehr egal, ob das von einem Kind mit demselben Geschlecht wie dem des Hörnchens stammt.

So Tussi-Prinzessinnen-Rosa-Zeugs bekommt das Hörnchen nicht, weil ich darauf sehr allergisch reagiere. Aber ein Außenstehender wird sich schwer tun, eine korrekte Schlussfolgerung von der Bekleidung auf des Hörnchens Geschlecht zu treffen.

Es kommen alle Farbtöne vor, von Orange, Rot über Lila zu Grün – ganz viel, weil meine Lieblingsfarbe – und Blau, wie Braun und Beige. Alles, die Strumpfhosen können auch schon mal Rosa sein, weil die eh meist überdeckt sind.

Aber dennoch, warum interessiert es Fremde, ob das Hörnchen ein Weiblein oder Männlein ist? Die Schublade ist noch lange Zeit irrelevant für uns. Nur bei der Namensgebung hat das bislang eine Rolle gespielt.

Wir kaufen auch nur sehr selten Spielzeug. Und wenn das vorkommt, dann darf das Hörnchen das eher selbst auswählen. Oder es sind Wimmelbücher, die uns gefallen.

Die Frage nach dem Geschlecht scheint mir das einzig oberflächlich interessante an Kindern zu sein. Schade. Stattdessen könnte man fragen, was das Kind zum Lachen bringt oder welche Kinderlieder vorgesungen werden. Oder ob es schon Muttermale oder Zähne hat. Keine Ahnung, irgendwas, das das Kind nicht schon in Rollen zwängt.

Aber wenn ich dann manche auschließlich in rosa gehüllte kleine Wesen sehe, dann frage ich mich. Ich frage mich einfach nur. 

Das muss man mit einem Jahr aber noch nicht können…

Ich bin eigentlich nicht so der Typ Mensch, der, seit er ein Kind hat, ständig Babyfotos herum schickt und sonst nichts mehr zu erzählen hat, als Themen, die das Baby betreffen. Nicht, weil ich unser Kind nicht absolut lieb, süß, toll, lustig, hübsch, ideenreich, entzückend, witzig, einzigartig usw. finde, sondern weil ich mir dessen bewusst bin, dass genau das jeder Elternteil über seinen Nachwuchs denkt. Ich verfolge mit großer Aufmerksamkeit jeden noch so kleinen Entwicklungsschritt und finde es faszinierend, wie schnell Kinder lernen, was sie vom Alltag alles mitbekommen und wie sie versuchen einen nachzuahmen. Ab und zu kommt es dann schon vor, dass ich der Familie oder einer Freundin mit Kind doch ein Foto oder Ähnliches schicke, damit diese die Entwicklungsschritte auch ein wenig mitverfolgen können. Schließlich wohnen wir fast drei Stunden von unseren Familien entfernt. 

Genauso passierte es vor ein paar Wochen – Hörnchen war noch kein Jahr alt – und liebt es, seit es mobil ist, den Geschirrspüler ein- und auszuräumen. Bisher war mir das keine große Hilfe, unser Zwergal kniete sich hauptsächlich vor das Gerät und schmiss das Besteck im hohen Bogen raus. Auf die Bitte, alles wieder einzuräumen, wurde das Chaos mit meiner Hilfe allerdings wieder beseitigt. 

Anders war es, wie gesagt, vor ein paar Wochen. Ich öffnete den frisch gewaschenen Geschirrspüler, unser Kind rannte wie immer freudig darauf zu und begann, zu meiner Überraschung, Topfdeckel und Besteck raus zu nehmen und ins jeweilige Regal zu schlichten! Schnell griff ich zum Smartphone und filmte diese Szene. 

Die Freude über das gelungene Video war groß und weil ich es auch noch witzig fand, dass unser Hörnchen ohne Aufforderung so selbstverständlich das Geschirr wegräumte, wie ich das normalweise mache, schickte ich dieses Video meiner Freundin. Da hatte ich allerdings noch nicht daran gedacht, dass meine Freundin das Video einer Bekannten zeigen könnte, welche selbst ein Kleinkind hat…

Bei unserem nächsten Treffen erzählte mir besagte Freundin von der Reaktion der Bekannten und dessen Mann:“So ein kleines Kind hat beim Geschirrspüler gar nichts zu suchen. Das ist viel zu gefährlich mit dem Besteck – was, wenn es die Messer rausnimmt?“ Solche und ähnliche Argumente durfte ich mir anhören, beendet wurde das vollkommene Unverständnis mit:“Na sowas muss man mit einem Jahr aber noch nicht können…!“

Ich will mit diesem Beitrag nicht aussagen, dass unser Kind etwas kann, was andere mit dem Alter noch nicht können! Denn wie wir alle wissen, entwickelt sich jeder Mensch in seiner eigenen Geschwindigkeit, manche Babys können Etwas früher, andere dafür etwas Anderes. Sowohl ich, als auch meine Schwester und ihre Kinder, und soweit ich weiß auch mein Mann und dessen Bruder, konnten vor dem ersten Geburtstag alleine gehen. Da ist es nicht verwunderlich, dass unser Zwergal das auch kann. Dass es aber so aktiv im Haushalt hilft, hat meiner Meinung nach einen anderen Grund. Denn wie ich schon mal in einem anderen Beitrag geschrieben habe, lassen wir das Hörnchen mehr oder weniger alles ausprobieren, überall helfen und alles selbst erkunden, wenn es sich dabei nicht schwer verletzen kann oder unter Aufsicht ist.

Kinder haben einfach keine andere Möglichkeit um zu lernen, als es sich bei den Erwachsenen abzuschauen und dann selbst auszuprobieren. Wie sehr und wie früh sie uns nachahmen, war mir selbst nicht so bewusst. Erst jetzt, wo das Hörnchen mit einem Jahr immer ’selbstständiger‘ wird, fällt es mir auf. In vielen Situationen denk ich mir nur:“Woher hat es das, warum weiß es das?“ bis ich erkenne, dass entweder ich oder mein Mann es auf diesselbe Weise machen, oft unbewusst und undokumentiert. Aber das Kind schnappt alles auf, macht nach und wiederholt. Bewusst wurde mir das wiedermal, als das Zwergal fröhlich das letzte Stück einer Fruchtschnitte knabberte, dabei das nun leere Papierdl begutachtete, kurz überlegte und ohne unser Zutun mit diesem zum Mistkübel marschierte und es dort hinein beförderte!

Nein, wir haben unser Kind nicht darauf trainiert, nein, wir haben es dazu auch nicht aufgefordert und nein, unser Kind ist deshalb nicht besonders! Es ist aber ein Kind, dass das Glück hat, in seiner Neugierde und Experimentierfreude nicht eingeschränkt zu werden. Es darf ein aktiver Teil unserer Familie und somit auch unseres Alltags sein, es darf überall helfen und mittun, wo es kann und Freude und Interesse daran zeigt, auch wenn das bedeutet, dass die Hausarbeit bzw. anderes wesentlich länger dauert oder in manchen Fällen danach noch mehr Unordnung herrscht als vorher! Ich bin der Meinung, genau dafür sind wir als Eltern doch da, um den Kleinen zu zeigen, ‚wie das Leben funktioniert‘. Dazu gehören natürlich auch die alltäglichen Aufgaben und Verrichtungen. Und wie muss sich so ein kleines Kind fühlen, wenn es jeden Tag, jede Minute so viel Neues sieht und lernt, Zusammenhänge und Abläufe begreift, aber sie selbst nicht umsetzen und üben darf, weil das laut den Erwachsenen zu gefährlich ist oder zu lange dauert? Ich will eigentlich nicht verallgemeinern, aber wenn ich ehrlich bin, kenne ich niemanden aus unserem Bekanntenkreis, dessen Baby oder Kleinkind an den Mistkübel, die Kaffeemaschine, den Kühlschrank, den Tischherd, die Bestecklade, den Geschirrspüler, den Pürierstab etc. darf oder erlauben aktive Mithilfe an diesen Geräten…

Als Abschluss möchte ich noch erwähnen, dass besagte Bekannte der Meinung ist, dass Kleinkinder, welche schon eher früh alleine gehen können, weniger intelligent sind. Denn die schlauen Kinder lassen sich so lange wie möglich tragen…

Kein Jungvater mehr

Jetzt ist es schon ca. ein Jahr her, dass ich im Beitrag Jungvater über meine Erfahrungen mit der Geburt des und dem Hörnchen selbst geschrieben habe. Mittlerweile ist das Hörnchen kein Baby mehr, es steht und geht sogar recht aufrecht und teilt uns zumeist recht deutlich mit, was es von uns will, oder was es im allgemeinen will. Es versteht uns sehr gut, wenn wir über Schuhe sprechen, werden diese ins Wohnzimmer getragen. Wenn wir von draußen oder raus gehen sprechen, setzt es sich vor die Eingangstüre und wartet angezogen zu werden. Wenn es was zu essen gibt, geht es zum Hochstuhl um dort das essen verteilen zu dürfen. Und bevor es ins Bett geht, bekommt der Papa einen dicken Schmatz.

Ja, so schön bleibt es in Erinnerung. Die seltenen Situationen wenn Hörnchens Nerven blank liegen, sind schnell vergessen sobald es wieder kichern kann. 

So schnell entwickelt sich das Mini-Menschlein und so deutlich bemerke ich, dass ich mich nicht mit entwickeln kann. In meiner Arbeit verändert sich gerade Einiges und obwohl ich noch immer nur auf 30h die Woche angemeldet bin – unglücklicherweise arbeite ich meist ein paar mehr – verpasse ich sehr viel. 

In der Art wie wir unser Hörnchen durchs Leben begleiten wollen – Attachment Parenting – übt man relativ wenig Druck auf die Kleinen aus. Man unterstützt sie in ihrer Neugier und bewahrt sie vor lebensgefährlichen Situationen. Auch schmerzhafte Erfahrungen sind da oft gute Erfahrungen. 

Aber, weil ich oft nicht zuhause bin, bekomme ich nicht gleich mit, wenn das Hörnchen schon etwas sehr gut kann und dann hindere ich in Situationen, weil ich denke zu helfen, obwohl es mittlerweile gerade die Übung ist etwas schon selber zu machen. 

Cao und ich reden über unseren Tag, wenn ich wieder zuhause bin. Aber jedes Detail wird da natürlich nicht zerkaut, würde ich mir auch gar nicht merken. Aber in letzter Zeit fällt es mir wieder verstärkt auf, dass ich die feinen Details von Hörnchens Entwicklung unter der Woche nicht mitbekomme. Und das gefällt mir nicht.

Ich meine, es muss jetzt nicht á la Captain Fantastic ablaufen, dass wir im Wald nichts Anderes machen als zusammen ums Überleben kämpfen und beim Lagerfeuer unsere Augen mit Büchern ruinieren. Aber in unserer Gesellschaft sollte es wesentlich mehr Möglichkeiten für Beziehung und Entfaltung geben, statt Geldnot und Arbeitsplatzmangel.

Zufrieden sein mit der Unzufriedenheit

Heute fühle ich mich sehr geerdet, ruhig und ausgeglichen. Warum genau, weiß ich selbst nicht, denn dieser Tag verläuft eigentlich genauso, wie die meisten anderen Tage in der Woche, an denen ich mit unserem Kind bis zum späten Nachmittag alleine zu Hause bin. Aber irgendwie fühlt es sich so an, als hätte ich etwas verstanden, als wäre da eine Einsicht, die meine Sicht der Dinge in ein anderes Licht rückt. Es ist nur ein Gefühl, nichts, was man mit dem Verstand wirklich erfassen und in Worten erklären könnte. 

In den letzten Wochen spürte ich eine zunehmende Unzufriedenheit. Der Schlafmangel und die kaum vorhandene Freizeit sind daran nicht ganz unschuldig. Ja, es ist nicht immer leicht, fast den ganzen Tag alleine mit einem kleinem Kind zu verbringen, das viele Bedürfnisse hat, die es noch nicht selbst stillen kann und man somit die eigenen Bedürfnisse gänzlich hintan stellen muss. Dazu sitze ich hier quasi fest, denn Auto hab ich momentan keines, die öffentlichen Verkehrsmittel fahren unregelmäßig selten und wegen dem saukalten, winterlichen Wetter  bräuchte ich sowieso erstmals Stunden, um uns beide dick einzupacken. Toe erledigt außerhalb der Arbeitszeit auch die Einkäufe und unsere gemeinsame Zeit ist momentan somit eher spärlich. Ich war also mit der Allgemeinsituation unzufrieden, wie man so schön sagt.

Aber heute, heute ist das anders. Die alte Leier der Unzufriedenheit hängt mir selbst schon beim Hals raus. Heute kann ich mich an all den Dingen erfreuen, denen ich gerade in letzter Zeit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. 

Ich würde gerne wieder mehr und regelmäßiger meditieren und Yoga machen, auf der Gitarre klimpern, ein Buch ohne Unterbrechung lesen, meine Zeit ausfüllen mit Dingen, die mir Freude bereiten. Doch auch dann wäre ich wahrscheinlich nicht glücklicher oder unglücklicher als jetzt. Denn auch dann gäbe es Dinge, die mein Ego sich einbildet, um befriedigt zu werden, die meinen Geist weiterhin verwirren und verblenden. Ich würde Anderes finden, was ich gerade nicht habe oder nicht machen kann und es gerade deshalb unbedingt wollen!

Und genau deswegen bin ich heute einfach nur zufrieden mit meiner Unzufriedenheit…

Spazieren im Schnee

Das Hörnchen kuschelt sich im Tragetuch unter meiner Jacke fest an mich, während der Schnee unter meinen Stiefeln das vertrauteste Geräusch des Winters macht. Mit achtsamen Schritten versuche ich die Stabilität des Waldbodens zu erfühlen.

Ich folge Fußspuren. Ich hätte nicht gedacht, dass jemand außer uns diesen Weg jemals genießt. Eine einzelne Spur löst sich  aus dem Pfad, zweigt in dieselbe Richtung, aber geht einzeln weiter. Vielleicht ist diese Seite des Weges bekannter, oder passt besser, fühlt sich womöglich stimmiger an. 

In Gedanken versunken und mit stetiger Achtsamkeit auf jeden Schritt, gehe ich meinen Weg weiter und bemerke:

Auch ich hinterlasse eine Spur.

Kleine Anekdote aus dem Alltag

Kürzlich trafen wir in der Stadt eine Bekannte. Wir tauschten uns kurz über die Neuigkeiten und Veränderungen in unseren Leben aus und zum Abschluss fragte sie:

– „Und was macht ihr heute noch in der Stadt?“

– „Wir wollen ein neues Bett kaufen. Hörnchen schläft ja bei uns, allerdings haben wir nur ein recht schmales Bett und langsam wirds eng…“

– „Achso, dann braucht ihr also ein Kinderbett?!“

– „Nein, ein großes Familienbett!“

Mami, ich gehe

Eine kleine buddhistische Geschichte von Ajahn Brahm, aus dem Buch „Der Elefant, der das Glück vergaß – Buddhistische Geschichten, um Freude in jedem Moment zu finden“:

 

Wir fürchten oft, dass jemand nicht wiederkommt, wenn wir ihn loslassen würden. Dabei ist meistens genau das Gegenteil der Fall.
Wenn Sie einen Vogel im Käfig halten und eines Tages vergessen, die Tür zu schließen, wird er wegfliegen und nicht zurückkommen.
Wenn Sie dagegen die Käfigtür offen lassen, aber dafür sorgen, dass es dem Vogel gut geht und er genügend Futter hat, wird er zwar auch wegfliegen, aber er kommt immer wieder zurück.

Eine junge buddhistische Mutter hat mir einmal erzählt, dass ihr sechs Jahre alter Sohn eines Nachmittags so verärgert war, dass er allen Ernstes erklärte: „Mami, ich hab dich nicht mehr lieb und gehe jetzt von zu Hause weg!“
Woraufhin sie antwortete: „In Ordnung, Schätzchen, ich helfe dir beim Packen.“
Also begleitete sie ihren kleinen Jungen in sein Zimmer und half ihm, das Nötigste herauszusuchen und in sein Köfferchen zu legen: den Teddybären, seine beste Hose und das Spiderman-Kostüm. Anschließend ging sie in die Küche, um ihm seine Lieblingsbrote zu schmieren, packte sie in eine Tüte und gab sie dem Sechsjährigen mit. Schließlich sollte er auf seinem weiteren Lebensweg keinen Hunger leiden.
Als der Junge das Haus verlassen hatte, winkte sie ihm nach. „Machs gut, Schätzchen. Und meld dich mal!“
Mit dem Köfferchen in der einen und der Tüte mit den belegten Broten in der anderen Hand marschierte das Kind aufs Gartentor zu, öffnete es, ging hindurch, wendete sich nach links und strebte seiner Zukunft entgegen.
Nach nicht einmal fünfzig Metern wurde der Sechsjährige vom Heimweh ergriffen. Er drehte sich um, ging zum Gartentor zurück und rannte den kurzen Weg in die offenen Arme seiner Mutter, die sich nicht von der Stelle gerührt hatte.
Sie war eine sehr weise Mutter und wusste ganz genau, dass sich ihr kleiner Junge nicht allzu weit von seinem liebevollen Zuhause entfernen würde.

Wenn die Bande der Liebe nur stark genug sind, kann man die Leute auch gehen lassen, denn man weiß ja, dass sie mit Sicherheit wiederkommen.

Und wir laufen hinterher…

Eine Freundin erzählte uns vor kurzem, dass sie in einem Buch gelesen hat, dass wir Menschen im Westen die einzigen unter den Säugetieren sind, die ihren Kindern nachlaufen. Denn bei den Tieren ist es so, dass die Kinder ständig hinter den Eltern her sind, um nicht alleine gelassen oder gar verloren gegangen zu werden. Ebenso ist das (zumindest in Teilen von) Afrika und Asien so. Die Kinder erkunden selbstständig ihre Umgebung, kommen aber immer wieder in die sichere Nähe der Eltern oder anderer vertrauter Erwachsener.

Bei ‚uns‘ erlebe ich es vollkommen anders. Das Kind krabbelt oder läuft neugierig drauf los. Noch bevor es sein anvisiertes Ziel erreicht hat, ist meist schon ein Erwachsener hinterher. Oft in Kombination mit mahnenden Worten, dass dieses oder jenes nicht zum Spielen geeignet sei, man das nicht angreifen darf oder soll oder die Eltern es schlichtweg nicht wollen.

Ja, wir leben im Allgemeinen in einer eher kinderfeindlichen Umgebung. Stufen oder andere Stolpersteine hier, Messer, spitze Gegenstände aus ungeeignetem Material oder heiße Öfen dort, dazwischen eine Menge Autos und viel ‚Schmutz‘, der die Kinder bei Berührung scheinbar krank macht. Doch ist diese Umgebung wirklich so kinderfeindlich, dass sie mit speziellen Hilfsmitteln sicher gemacht werden muss oder vertrauen wir nur zu wenig auf die Fähigkeiten und Intelligenz unserer Kinder?
In der Doku Babies (den Trailer gibt’s hier) wird noch mal deutlich, was auch unsere Freundin gelesen hat. Kinder und Babies sind nicht dumm und wissen um Gefahren, sie lernen durchs Zuschauen und Nachmachen von den Erwachsenen. Und Kinder verletzen sich nicht zwangsläufig, wenn sie ein Messer in der Hand haben oder werden gebissen, wenn sie mit wilden Hunden spielen!

Das mag jetzt für unseren Kulturkreis ein wenig fahrlässig klingen, wachsen die Meisten doch wohl behütet in sicherer Umgebung auf. Doch wie soll ein kleines Kind lernen, mit Gegenständen des alltäglichen Lebens vorsichtig und verantwortungsvoll umzugehen, wenn man ihm nie die Möglichkeit dazu lässt und ihm stattdessen realitätsfernes Spielzeug aus Plastik in die Hände drückt? Wir handhaben das so, dass wir unser Hörnchen bei seinen Erkundungstouren stets beobachten und gegebenfalls begleiten. Ist dann mal etwas interessant, was kein offizielles Spielzeug ist – also ungefähr eh alles andere – dann darf unser Kind es untersuchen. Entweder gänzlich alleine, wenn es sowieso ungefährlich ist, wie beispielsweise ein Kochlöffel, Plastikschüsseln, Klopapierrollen etc. oder gemeinsam mit uns Eltern, zum Beispiel bei Dingen wie Teller, Gläser, Pflanzen, spitzere Gegenstände usw. Natürlich gibt es auch ein paar Tabus. Ich würde dem acht Monate alten Baby kein scharfes Messer geben oder es am heißen Ofen spielen lassen, weil es die Konsequenzen derzeit einfach noch nicht begreifen kann. Dennoch haben wir die Erfahrung gemacht, wenn Besuch mit Kindern da ist, dass der Großteil der Gegenstände, welche vom Hörnchen bespielt und erforscht werden, als potentiell gefährlich eingestuft und weggeräumt wird. Dabei hat sich unser Kind noch nie an etwas Derartigem verletzt…

Meditate with your children

Upayavira von buddh. Orden Triratna gibt in diesem kurzen aber englischen Vortrag ein Idee weiter, wie man mit seinen Kindern meditieren könnte.

Im Wesentlichen geht es darum für eine meditative aber sichere Umgebung zu sorgen, das Kind spielen zu lassen und Achtsamkeitsmeditation durchzuführen. Dabei mit offenen Augen das Kind beobachten, aber grundsätzlich unbeteiligt bleiben, außer natürlich wenn physische oder psychische Gefahr in Verzug ist.

Mit der Zeit kann es sein, dass das Kind die entspannte Atmosphäre aufschnappt oder wenigsten den – in dieser Situation – wenig reagierenden Elternteil in Ruhe lässt. Wobei es eben eine eigene Situation sein soll und nicht zu einer ständigen Unbeteiligung führen soll.

... gähn ...
… gähn …

Könnte man ja mal eine Zeit lang testen.

Reformpädagogik im Sonnenhaus

Am Wochenende war Tag der offenen Tür in der Privatschule Sonnenhaus in Leibnitz. Jetzt mag man meinen, dafür ist es noch viel zu früh, denn unser Hörnchen ist ja erst einige Monate alt. Doch erstens vergeht die Zeit mit Kind oft wie im Flug, zweitens gibt es Wartelisten und drittens hat uns das Konzept der Schule sowieso interessiert, unabhängig von unserem Kind.

Also fuhren wir hin, zu der kleinen Schule, die inmitten von Wohnhäusern steht. Eine kleine Schule, die dieses Jahr 51 SchülerInnen zählt. Schon beim Hineingehen fiel auf, dass eine nette Atmosphäre herrscht. Wir wurden sogar persönlich begrüßt und ans Buffet gebeten. Nach dem kleinen Eingangsbereich, wo auch die Garderobenhaken für die SchülerInnen angebracht sind, gehts in den größten Raum. Hier schaut es wie in einem gemütlichen Wohnzimmer aus. Neben einer tollen Bücherecke mit Sofas gibt es Spieleecken, ein paar selbstgemachte Kunstwerke und jede Menge Lernmaterialien in verschiedenen Regalen.

Wir nahmen an der Führung teil und ließen uns vom Sonnenhaus erzählen. Die Schule besuchen derzeit wie schon erwähnt 51 SchülerInnen im Alter von 6- bis 15 Jahren, also von der ersten bis zur achten Schulstufe. Ziel hier ist es, dass sich die Kinder frei entfalten und entwickeln können und ihre Stärken und Bedürfnisse kennenlernen. Es wird viel nach Montessoripädagogik gearbeitet, aber auch andere wie Rebeca und Mauricio Wild oder Emmi Pikler fließen mit ein. Der Schulalltag gliedert sich in gebundene und freie Arbeitsphasen. In ersteren werden Materialien vorgestellt und Lernstoff erarbeitet, in zweiteren können die SchülerInnen das Gelernte selbst nochmals erarbeiten und so weiter festigen. Zu den ‚typischen‘ Unterrichtsfächer wie Mathematik, Sprache und Sachunterricht gibt es viele kreative Angebote wie textiles und technisches Werken, bildnerisches Gestalten, Bewegung, Musik, Tanz, Natur, Rollenspiel, Wald uvm.

Die Schule ist privat und wird als Verein geführt. Sie legen Wert auf ökologische, soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit und (gewaltfreie) Kommunikation untereinander. Daher gibt es weder Reinigungspersonal, noch Schulwarte oder Nachmittagsaufsicht, denn das wird alles von den Eltern selbst erledigt. Jedes Elternteil bringt sich 20 Stunden im Jahr (oder Semester?) ein, sei es beim Putzen, bei Reperaturarbeiten, Veranstaltungen oder dergleichen, so fallen Kosten für zusätzliches Personal weg. Außerdem gibt es eine Wunschliste auf der Homepage, anhand der man Sachen für die Schule spenden oder sie finanziell unterstützen kann.

Das Sonnenhaus hat weiters drei oder vier Klassenräume, einen Werkraum und eine Küche. Auch gibt es einen Bereich mit Computern. Das Außengelände haben wir nicht besichtigt, es scheint aber ein großer, gepflegter Garten zu sein, in dem auch ein großes Holzklettergerüst steht. Sehen konnte ich es, da jede Klasse neben den vielen Fenstern auch eine ‚Balkontür‘ hat.

Bei der Führung konnten wir einen Einblick in den täglichen „Unterricht“ gewinnen. Die SchülerInnen können ab 7:15, spätestens um 8:00 in die Klassenräume und fangen sogleich mit dem Erkunden, selbstständigen Erarbeiten und Spielen an. Schulglocke gibt es keine! Besonders fasziniert hat mich das Beispiel, wie Schreiben gelernt wird: die Kinder sagen sich das Wort vor und schreiben mithilfe einer Bildertafel oder der Pädagogin auf, was sie hören. Da kann schon mal aus „Feuerwehr“ das Wort „Foiawea“ werden. Dennoch wird es nicht mit Rotstift korrigiert oder als falsch gewertet, denn die Kinder lernen, immer genauer hinzuhören und kommen mit der Zeit selbst drauf, wie es richtig geschrieben wird. Außerdem schreibt die Pädagogin bei den Hausaufgaben, die es zwei Mal in der Woche gibt, das korrekte Wort oder den korrekten Satz daneben hin. Es werden zudem für jede/n SchülerIn individuelle Arbeitszettel vorbereitet. Ist ein Kind beispielsweise gerade beim 3er Einmaleins, bekommt es genau dazu Übungen. Macht das Kind aber gerade das Dividieren durch, enthält sein Übungsblatt die entsprechenden Aufgaben.

Noten gibt es hier übrigens keine! Die Leistungen der SchülerInnen werden mündlich bzw. schriftlich definiert. Hier wird nicht nach einem Ziffernsystem bewertet, sonder Stärken und Schwächen direkt angesprochen, ohne zu werten. In der vierten und neunten Schulstufe gibt es allerdings auch ein Ziffernzeugnis um das Anmelden in weiterführenden Schulen, Lehren oder dergleichen zu vereinfachen.

Nach der Führung besuchten wir noch das schon angesprochene Buffet, das aus Kaffee, Getränken und von den Eltern selbstgemachten Kuchen, Keksen und Brot mit Aufstrichen bestand. Auf die Frage, ob etwas Veganes dabei sei, wurden wir gleich gut beraten! Auch die Sojamilch für den Kaffee war eine Selbstverständlichkeit.

Alles in allem kann ich nur sagen, dass diese Art von Schule, speziell in dieser Größe, absolut meinen Vorstellungen entspricht. Ich wünsche mir für unser Hörnchen ein selbstbestimmtes Lernen ohne Druck durch LehrerInnen oder Gesellschaft. Ich kann nur aus meiner Erfahrung sagen, wie schade es ist, wenn so überhaupt nicht auf Persönlichkeit, Interesse und Stärken eingegangen wird und dass das nicht gut tut. Weder für mich als Person, noch für den Lernerfolg, wenn man es so will. Denn zwar war ich in einer Schule, die sich gerne selbst als „die Elite“ bezeichnet hat, den Großteil meines Allgemeinwissens habe ich nach den Prüfungen jedoch schnell wieder vergessen…

Der einzige Nachteil ist eben der, dass diese Arten von Schulen privat und daher für den Einzelnen sehr teuer sind. Ob wir uns das in Zukunft leisten können/wollen, muss gut überlegt sein. Aber schließlich ist doch noch ein Weilchen Zeit und hier in Österreich haben wir ja immer noch die Möglichkeit des häuslichen Unterrichts!