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Wieder eine Zertifizierung

In meinem Berufsfeld, IT, sind Zertifizierungen das Mittel der Wahl um sein Können kompakt gegenüber Arbeitgebern, Kollegen und Kunden zu benennen. Alle möglichen Hersteller (Microsoft, Dell, Cisco, HP, Riverbed, Barracuda, …) haben Zertifizierungsprogramme (MCSE, CCNA, RCSA, NGSE, …) um Dienstleistern die Möglichkeit zu bieten ihren Kunden ein Logo vor die Nase zu halten, das zeigen soll: Ich weiß was ich tu!

Das wäre gut gemeint, wenn die Zertifikate nicht auf wenige Jahre begrenzt wären und überdies ziemlich teuer sind. Insbesondere wenn man das dazu passende Training besucht. Dafür bieten die ebenfalls zertifizierten Trainingszentren aber eine Erfolgsgarantie. Also, würde man den ersten Antritt verhauen, ist der zweite kostenlos.

Da sie zeitlich begrenzt sind, stellt sich kurz vor Ablauf die Frage ob man für eine Rezertifizierung lernen soll oder vielleicht gleich das nächst höhere Level oder eine fachliche Spezialisierung anpeilen soll. Dann wiederholt man nicht nur sondern verbreitert oder vertieft man sein Wissen.

Die Bedingungen, unter denen man die Zertifzierungsprüfung ablegen kann, möchte ich euch weitestgehend ersparen – 2 Ausweise, Videoüberwachung, eine laminierte Seite Papier, … .Selbstverständlich muss ein Trainingszentrum nicht nur für das Training sondern auch extra für die Abnahme der Zertifizierungsprüfung zertifiziert sein. Ich denke, ihr merkt wohin sich die Sache entwickelt.

Ich werde mich morgen zur hoffentlich letzten Zertifizierung für diese Saison begeben, die dritte in ca. einem halben Jahr. Ich arbeite bei einem IT-Dienstleister, wo solche Zertifizierung akkumuliert werden und sich in bessere Rabatte niederschlagen. Denn wenn die Techniker, Verkäufer und Presales (keine Ahnung ob es dafür einen deutschen Begriff gäbe) sich bei dem selben Hersteller zertifizieren lassen, dann gibt es schon eine gewisse Kundenbindung (Partnerstatus).

Tja, hat alles Vor- und Nachteile, aber mir fällt es nun mal wieder auf, wie unser Bildungssystem sowas von falsch läuft. In der Schule ist es nicht wichtig (gewesen, die Neue Mittelschule könnte das Potenzial in sich tragen diese Perspektive zu ändern) für das Leben oder das Verständnis zu lernen, sondern man lernt um die subjektiven Erwartungen der jeweiligen Lehrer zu erfüllen.

Kenne deinen Feind und lass ihn glauben er sei dein Freund. Und dann noch eine geschickte Schummelzettelpolitik und das Zeugnis lacht vor Einsen. Wer dann ein Talent dafür hat merkt, dass man beim erstellen eines guten Schummelzettels bereits alles so oft wiederholt hat, dass es auswendig sitzt. Also das Zeugnis auch ohne Anwendung des Schummelzettels mit hauptsächlich Einsern lacht.

Bei den Zertifzierungsprüfungen ohne mitgebuchtem Training ist es eigentlich auch so. Man hat zwar keine Persönlichkeit, die man kennenlernen muss, dafür gibt es viele andere Leute, die gerne Fragenkataloge erstellen. Hat man ein grundlegendes Verständnis für die Materie und genügend Fragen, dann kann man sich sehr gezielt vorbereiten. Blöd nur, wenn man weiß, dass die meisten Fragen eigentlich nicht relevant sind für die Anwendung der Produkte. So wie in der Schule ist die technische Zertifizierung zum Großteil Auswendig-Lernerei, was nach ca. einem Tag wieder vergessen werden kann, da es nicht praktisch gebraucht wird.

Darauf sollte man sich wirklich nichts einbilden.

Zweck der Schule

„Es war etwas in ihm, etwas Wildes, Regelloses, das mußte erst gelöscht und ausgetreten werden. Der Mensch, wie ihn die Natur erschafft, ist etwas Unberechenbares, Undurchsichtiges, Gefährliches. Er ist ein von unbekanntem Berge brechender Strom und ist ein Urwald ohne Weg und Ordnung. Und wie ein Urwald gelichtet und gereinigt und gewaltsam eingeschränkt werden muß, so muß die Schule den natürlichen Menschen zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschränken; ihre Aufgabe ist es, ihn nach obrigkeitlicherseits gebilligten Grundsätzen zu einem nützlichen Gliede der Gesellschaft zu machen und die Eigenschaften in ihm zu wecken, deren völlige Ausbildung alsdann die sorgfältige Zucht der Kaserne krönend beendigt.“

Hermann Hesse, Unterm Rad, Frankfurt am Main 1972, 51. Auflage 2012, S. 46ff Suhrkamp Verlag

Im ersten Moment fühlte ich mich sprachlos, als ich die Stelle in Hesse’s Unterm Rad las. Ich bin mir nicht sicher, ob es heute noch Menschen mit solcher Meinung gibt. Für mich zeigt es jedenfalls das Extrem, dem ich keinen kindlichen Geist aussetzen möchte.

Ganz im Gegenteil finde ich, dass durch solcherart Bildung man sich zusätzliche Hindernisse für das Leben und erst recht für den buddhistischen Weg der Befreiung aufbaut. Wenn ich an meine eigene Schulbildung denke, so wurde ich zwar nicht diesem Extrem gemäß unterrichtet, aber ich kann leider auch nicht behaupten, dass meine natürlichen Begabungen groß gefördert oder überhaupt gesucht worden wären.

Müsste ich meine gesamte Schulbildung also selbst zwischen den beiden Extremen einteilen, so würde sie doch näher an Hesses geschildertem Zweck liegen als an einer persönlichen Entfaltung. Das ist aber kein Grund in ein tiefes Loch zu fallen. Man kann sich weiter entwickeln. Glücklicherweise ist die Bildung nicht das Einzige, was einem Menschen im Leben hilft.

Wer sich aber doch Gedanken über alternative Schulen machen möchte, dem empfehle ich folgendes Video der Waldorfschule in Graz.

Kein Vergleich zu meinen Erfahrungen. Ich möchte aber keine Werbung für Rudolf Steiner oder seine fragwürdigen Lehren machen, sondern eher auf die alternative Methodik der Waldorfschulen hinweisen. Da hätten bei der Umsetzung des Bildungsvolksbegehren ruhig einige Maßhnahmen abgeleitet werden können.