Schlagwort-Archive: Buchempfehlung

Mein Schatz in der lokalen Bücherei

Viele, vorallem kleinere Ortschaften, machen sich die Mühe kleine öffentliche Büchereien zu halten. In Niederösterreich, wo ich aufgewachsen bin, wusste ich von der lokalen Bücherei, die im Erdgeschoß des Rathauses untergebracht war, aber soweit ich mich erinnere war ich bloß einmal dort um einen Blick hinein zu werfen. Der abgestandene Geruch von abgegriffenen Büchern passte gut in die möchte-gern-steril graue Stube.

Jetzt lebe ich in der Steiermark und in der sporadisch erscheinenden Ortszeitung wird immer ein kleiner unaufdringlicher Hinweis über die Neuanschaffungen in der öffentlichen Bücherei gegeben. Integrationswillig wie wir sind, machten wir uns eines schönen Sonntags auf um nun die angepriesene Bücherstelle zu besichtigen und seitdem haben wir uns schon einzelne Bücher und Magazine ausgeliehen.

Gestern war ich spontan alleine dort, da mein Herzblatt einen Frühdienst hatte. Beim oberflächlichen Blick-schweifen-lassen entdeckte ich ein Buch, dessen Titel mich daran erinnerte, dass ich ca. seit einem halben Jahr auf der Suche nach eben diesem Inhalt bin.

Rituale für das ganze Leben, Buddhistisch inspiriert“ von Ursula Lyon, erschienen imTheseus Verlag, 2004.

Ich hatte immer wieder in diese Richtung gestöbert, aber nie etwas Passendes im Internet oder den üblichen Buchhandlungen gefunden. Und plötzlich steht das Buch im südsteirischen, christlich geprägten Hinterland und wartet auf mich in den beiden kleinen Räumen neben der Volksschule. Ich bin wirklich begeistert.

Konkret bin ich auf der Suche nach der heidnischen Bedeutung der Rituale, die sich heute weitestgehend nur mehr im kirchlichen Kontext gehalten haben. Und dann würde ich versuchen die ursprünglichen Rituale im Zusammenspiel mit meinen – buddhistisch motivierten – Werten neu zu beleben. Seit ich den buddhistischen Weg als sinnvollen Weg für mich entdeckt habe, aber die Vermischung der asiatischen Kultur als hinderlich empfinde, ist mir diese Idee immer im Hinterkopf herum geschwirrt.

Außerdem habe ich noch so ein deutsches Lifestyle Magazin gefunden, das über sehr spannende Themen berichtet: Happinez.

Also, worauf ich hinaus will: Los, findet die Öffnungszeiten eurer lokalen Bücherei heraus und gebt den wahrscheinlich ehrenamtlich arbeitenden Menschen dort die Möglichkeit euch zu begeistern und womöglich schlummernden Ideen einen neuen Startpunkt.

Am Fischmarkt

Er sah die Frauen und Mägde zu Markte gehen, hielt sich besonders beim Fischmarktbrunnen auf und sah den Fischhändlern und ihren derben Weibern zu wie sie ihre Ware feilboten und anpriesen, wie sie die kühlen silbernen Fische aus ihren Bottichen rissen und darboten, wie die Fische mit schmerzlich geöffneten Mäulern und angstvoll starren Goldaugen sich still dem Tode ergaben oder sich wütend und verzweifelt gegen ihn wehrten. Wie schon manches Mal ergriff ihn ein Mitleid mit diesen Tieren und ein trauriger Unmut gegen die Menschen; warum waren sie so stumpf und roh und unausdenklich dumm und blöde, warum sahen sie alle nichts, weder die Fischer und Fischweiber noch die feischenden Käufer, warum sahen sie diese Mäuler, diese zum Tod erschreckten Augen und wild um sich schlagenden Schwänze nicht, nicht diesen grausigen nutzlosen Verzweiflungskampf, nicht diese unerträgliche Verwandlung der geheimnisvollen, wunderbar schönen Tiere, wie ihnen das leise letzte Zittern über die sterbende Haut schauderte und sie dann tot und erloschen lagen, hingestreckt, klägliche Fleischstücke für den Tisch der vergnügten Fresser? Nichts sahen sie, diese Menschen, nichts wußten und merketen sie, nichts sprach zu ihnen! Einerlei, ob da ein armes holdes Tier vor ihren Augen verreckte oder ob ein Meister in einem Heiligengesicht alle Hoffnung, allen Adel, alles Leid und alle dunkle schnürende Angst des Menschenlebens zum Erschauern sichtbar machte – nichts sahen sie, nichts ergriff sie! Alle waren sie vergnügt oder beschäftigt, hatten es wichtig, hatten es eilig, schrien, lachten und rülpsten einander an, machten Lärm, machten Witze, zeterten wegen zwei Pfennigen, und allen war es wohl, sie waren alle in Ordnung und höchlich mit sich und der Welt zufrieden. Schweine waren sie, ach viel schlimmer und wüster als Schweine!

Überhaupt, was wurde hier in dieser fetten vergnügten Stadt nicht Tag für Tag gefressen und vergeudet! Wie faul, wie verwöhnt, wie wählerisch waren diese feisten Bürger, wegen deren jeden Tag so viel Säue und Kälber geschlachtet und so viel schöne arme Fische aus dem Fluß gezogen wurden!

Hermann Hesse, "Narziß und Goldmund", S.173 ff und 183, Suhrkamp Verlag 1957

Als ich diese Szenen in dem Buch gelesen habe kam mir unweigerlich die Erinnerung an die unzähligen Dokumentationen über den heutigen Fleisch- und Fischfleischkonsum. In dem Buch folgt auf die Ignoranz und Gleichgültigkeit der Menschheit die Pest. Wie schlimm müsste die karmische Wirkung für das heutige Verhalten sein?

Der individuelle Weg

Der nächste Beitrag aus der Serie Buddhas moderne Lehren lässt auf sich warten, da mir nach viel zu langer Zeit wieder Hermann Hesses Siddhartha in die Hände gefallen ist.

Ich habe das Buch vor nicht ganz einem Jahrzehnt zum ersten Mal gelesen und erinnere mich an die tiefe Bewunderung, die ich damals für dieses aus den 1920ern stammendem Werk empfand. Damals war mir über Buddhismus nicht viel mehr bekannt, als in den österreichischen Schulen darüber gelehrt wurde. Mein Interesse wurde durch diese Erzählung definitiv geweckt, wenn auch noch weit entfernt von Orientierung.

Das Buch behandelt die Geschichte eines jungen Brahmanen, der sein Zuhause verlässt um Asket zu werden. Er ist sehr talentiert aber ihm wird bewusst, dass dieser Weg ihm keine Befreiung finden lässt. Als sich Gerüchte über einen Erwachten herumsprechen, verlässt er mit seinem Begleiter die Asketen um die neue Lehre zu hören. Im Dialog mit dem Erwachten beschließt er zu sich selbst Zuflucht zu nehmen und entwickelt sich zu einem Liebhaber und Kaufmann. Nachdem er allerdings Genüsse und Leid konditioniert hatte verließ er dieses Leben und wurde Fährmann. Sein Vorgänger und der Fluss lehrten ihm fortan und dieser Weg führte ihm zum Erwachen.

 … eine Wahrheit läßt sich immer nur aussprechen und in Worte hüllen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles, was mit Gedanken gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb, alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit. Wenn der erhabene Gotama lehrend von der Welt sprach, so mußte er sie teilen in Sansara und Nirwana, in Täuschung und Wahrheit, in Leid und Erlösung. Man kann nicht anders, es gibt keinen andern Weg für den, der lehren will. Die Welt selbst aber, das Seiende um uns her und in uns innen, ist nie einseitig. Nie ist ein Mensch, oder eine Tat, ganz Sansara oder ganz Nirwana, nie ist ein Mensch ganz heilig oder ganzu sündig. Es scheint ja so, weil wir der Täuschung unterworfen sind, daß Zeit etwas Wirkliches sei. Zeit ist nicht wirklich, Govinda, ich habe dies oft und oft erfahren. Und wenn Zeit nicht wirklich ist, so ist die Spanne, die zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Leid und Seligkeit, zwischen Böse und Gut zu liegen scheint, auch eine Täuschung. …

"Siddhartha - Eine indische Dichtung", Hermann Hesse, S. 130 Suhrkamp Verlag 1. Auflage 2004

Diese Darstellung, dass Weisheit und Ideen nicht vollständig und unmittelbar in Sprache gefasst werden kann, ist überwältigend klar. Hesse schrieb dieses Buch in Zeiten des Umbruchs um vorallem der Jugend eine neue Perspektive zu zeigen, einen eigenen Weg zufinden und sich von kirchlichen oder gesellschaftlichen Schranken zu befreien.

Aus den Erläuterungen am Ende meiner Ausgabe entnehme ich, dass in Europa dieser Aufruf nicht annähernd so inflationär aufgenommen wurde wie Jahrzehnte später in Amerika, wo dieses Buch vielen Hippies die nötige Motivation gab, sich aus dem konventionellen System heraus zu bewegen.

Die dichterische Sprache in diesem Buch ist im Vergleich zu heutigen Romanen sehr blumig. Aber gerade das sollte jungen Menschen vor Augen führen wir starr und effizient die heutige Lebensweise zu sein hat. Wer sich auf dieses Buch einlässt, kann wahrnehmen, dass dieser Zeitgeist nicht unserem Wesen entspricht. Zumindest mir geht es so.

Abschließend möchte ich allen empfehlen – besonders auch denjenigen, die das Buch seit längerem zuhause im Regal verstauben lassen – diese Geschichte erneut zu lesen.

Mit zuversichtlichen Grüßen
[toe]