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Weg zum Leben in Gemeinschaft – Schritt 5

Geduldsprobe oder alles auf Anfang

Lange hat es dazu keinen Beitrag mehr gegeben, obwohl wir bis vor einem halben, dreiviertel Jahr fast all unsere Energie in das Thema Gemeinschaft bzw. gemeinschaftliches Leben gesteckt haben. Wir haben Flyer verteilt, versucht uns zu vernetzen, etliche Wohnungen und Häuser besichtigt, uns mit gemeinschaftsinteressierten Menschen getroffen, andere Gemeinschaften besucht, geplant, geträumt… Um dann auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden. Denn einfach mal so eine Gemeinschaft aufzubauen ist keine Sache, die man in ein paar Wochen oder Monaten so nebenbei schafft.

Darum entschieden wir uns im Frühjahr letzten Jahres, uns einer bereits bestehenden Gemeinschaft anzuschließen. Dieses Projekt, nämlich das Cohousing Volkersdorf nordöstlich von Graz, ist gerade am Entstehen. Damals wussten wir nur, dass es wirklich gebaut wird und noch ‚Mitglieder‘ gesucht werden. Daher haben wir uns auf die Liste der Interessierten setzen lassen, mit der Information, dass wir bald mehr erfahren würden.

Und wir warteten… Und warteten… Und warteten. Auf Nachfrage wurde uns nochmals versichert, dass das Projekt realisiert wird und weitere Infos folgen würden. Dann, Anfang Dezember, war ein Treffen für alle, die Genaueres wissen wollten. Wir waren natürlich dort, konnten ein paar Leute der Gemeinschaft, das Grundstück mit den bestehenden Gebäuden und die weiteren Bau-, und Projektpläne näher kennenlernen. Beim folgenden Kennelerntreffen, das nur toe besuchte, da es abends in Graz stattfand – was mit einem Kleinkind eher unpraktisch ist – erhielten wir keine relevanten Informationen, außer, dass Familien mit ältern Kindern bevorzugt würden.

Vergangenes Wochenende sollte unser erster Workshop stattfinden. Diese dienen dazu, dass man sich in die Gemeinschaft einbringen kann und sich so auch näher kennen lernt. Das sollte idealerweise im Vorhinein passieren, damit man einfach schaut, ob man auf der ’selben Wellenlänge‘ ist. Um es vorweg zu nehmen, zu diesem Workshop kam es nicht. Zwei Tage zuvor haben wir nämlich erfahren, dass sie sich für eine Familie mit älteren Kindern entschieden haben.

Jetzt kommt mein Ego ins Spiel. Denn obwohl mir bewusst ist, dass es bestimmte Kriterien gibt, anhand derer die Interessenten ausgewählt werden, ärgert es mich. Ich fühle mich unfair behandelt, da weder meine Persönlichkeit, noch meine Interessen oder Fähigkeiten als „unpassend“ beurteilt wurden – zur Erinnerung, wir haben ja noch niemanden aus der bestehenden Gemeinschaft wirklich kennengelernt – sondern lediglich das Alter unseres Kindes. Und für mich ist das einfach kein Kriterium für eine Entscheidung über ein gemeinsames Leben. Ich sehe einfach nicht den Zusammenhang, warum mein Kind ausschlaggebend dafür ist, ob ich mich in eine Gruppe sinnvoll einbringen kann und ob unsere Werte übereinstimmen. Außerdem weiß ich, dass das Leben in Gemeinschaft ein sich ständig verändernder Prozess ist. Klar kann man theoretisch die beste Durchmischung an Menschen planen, aber wer dann langfristig wirklich bleibt und wer noch dazu kommt, kann man zu keinem Zeitpunkt fix sagen. Aus anderen Projekten ist mir bekannt, dass die Fluktuation recht hoch ist. Aber das wollte man toe beim Kennenlerntreffen nicht so recht abnehmen und stattdessen die bestmögliche Ist-Situation herbeiführen.

Naja, wie dem auch sei, blöd für uns. Ich kann nicht genau sagen, ob ich zu einem späteren Zeitpunkt wieder bereit bin, mich auf diese Gemeinschaft einzulassen, falls sie meinen, sie brauchen jetzt Mitbewohner in dem Alter, das unser Kind dann haben wird. Gewünscht hätte ich mir zumindest ein persönliches Treffen, vielleicht so eine Art kurzes „Vorsprechen“, wo man sich mal ein wenig beschnuppern und seine Einstellungen und Vorstellung, Ideen und Wünsche besprechen kann. Da merkt man eh meist recht schnell, ob die Chemie halbwegs passt. Und ob ich ein oder vier Kinder habe, ob es Babys oder bereits Teenager sind, ob man kurze oder lange Haare hat, alleinerziehend ist oder im Familienverband, alt oder jung, … das sollte dabei, wenn überhaupt, nur eine kleine Nebenrolle spielen.

Leben in Gemeinschaft

Oft wird das Leben in Gemeinschaft mit einem Leben in einer Kommune aus den 1968er Jahren mit allen Vorurteilen gleichgesetzt: es sind definitiv Aussteiger, Hippies, Esoteriker, Menschen, die sexuell sehr freizügig sind und keinem geregelten Leben nachgehen. Das sind wiegesagt nur Vorurteile, denn schon damals waren ökologische Themen und eine gemeinsame Ökonomie die Hauptaspekte der Kommune. Die Gründe, in einer Gemeinschaft zu leben, sind vielfältig und meiner Meinung nach durchaus nachvollziehbar. Gerade in einer Zeit des Überflusses haben viele Menschen das Bedürfnis, einfacher zu leben und Ressourcen zu teilen und so zu sparen. 

Eine Gemeinschaft bietet unter anderem folgende Vorteile:

  • Weniger Ausgaben für Haus/Miete/Auto…
  • Teilen von Werkzeug, Küchenutensilien, Alltagsgegenständen,…
  • Arbeit in Haus und Garten wird auf mehrere Personen aufgeteilt
  • Gegenseitige Bereicherung durch regen sozialen Austausch
  • Herausforderung durch tägliche Interaktion in einer Gruppe
  • Man ist kaum/nie alleine
  • Kinder wachsen in einem sozialen Umfeld auf
  • Mehr Hände können gemeinsam mehr bewirken

Womöglich gibt es noch mehrere und individuellere Gründe, nicht mehr alleine, sondern mit anderen Menschen oder Familien zusammen zu leben.

Wenn ich unter der Woche mit unserem Hörnchen alleine zu Hause bin, genieße ich auf der einen Seite die Ruhe. Wir können tun und lassen, worauf wir gerade Lust haben, sind umgeben von schöner Natur und ohne direkte Nachbarn. Eigentlich ein Paradies, auch für Kinder. Auf der anderen Seite haben sich seit einiger Zeit Bilder in meinen Kopf geschlichen. Bilder von einem Haus voller lieben Leute, die gemeimsam den Garten gestalten, andere kochen zusammen das Essen, dabei wird angeregt erzählt, während ein paar Kinder gemeinsam durch Haus und Garten zischen, und vielleicht in einem anderen Raum jemand in Stille meditiert oder ein Buch liest. Ja, mir ist klar, das ist ein Idealbild und in der Realität schaut nicht immer alles so friedlich aus. Dennoch haben sich diese Bilder festgesetzt und beschäftigen mich seit geraumer Zeit.

Ganz konkret gibt es mehrere Arten von gemeinschaftlichem Wohnen. Zum einen existieren bereits einige Co-Housing Projekte in Österreich, eines davon sogar in meiner alten Heimat, nämlich der Lebensraum. Das Prinzip ist einfach erklärt: jedeR hat seine eigene Wohnung, also einen privaten Bereich, und zusätzlich gibt es viele Gemeinschaftsräume, die von allen gleichermaßen benutzt werden dürfen und sollen. Hier werden vielfältige Aktivitäten von den Bewohnern angeboten, welche nicht nur Nachbarn sind, sondern eben eine Gemeinschaft bilden.

Dann gibt es noch sogenannte Kollektive, wie zum Beispiel das Hofkollektiv Wieserhoisl in Deutschlandsberg in der Weststeiermark. Hier leben derzeit 8 Erwachsene und 3 Kinder gemeinsam in einem alten Bauernhof. Es werden Projekte wie solidarische Landwirtschaft und zahlreiche kulturelle und politische Veranstaltungen realisiert.

Außerdem gibt es Gemeinschaften, die, ähnlich wie Studenten-WGs, aus ein paar wenigen Menschen bestehen, welche sich „nur“ Raum und eventuell Einrichtung, Geräte etc. teilen, jedoch keine solidarischen, ökonomischen oder ökologischen Ziele verfolgen.

Beim Schwelgen, wie es wohl wäre, in einer Gemeinschaft zu leben, sind mir konkret drei Arten eingefallen, die ich für umsetzbar halte:

  1. Teil einer bestehenden Gemeinschaft werden
  2. Ein Haus mieten/kaufen und dort eine Gemeinschaft gründen
  3. Ein Grundstück kaufen und dort mehrere ‚Modulhäuser‘ hinstellen und eine kleine Co-Housing Gemeinschaft gründen

ad 1) Das wäre wohl die einfachste Lösung, zumindest organisatorisch. Fraglich ist nur, ob man das bestehende Konzept der bereits existierenden Gruppe gut findet. Außerdem hat man kein Mitspracherecht mehr beim Aussuchen und Gestalten des Hauses.

ad2) wenn man ein paar Mitstreiter beisammen hat, bietet sich die Möglichkeit, gemeinsam ein Haus zu suchen und zu gestalten. ‚Regeln‘ werden von Anfang an gemeinschaftlich festgesetzt und man kann sich in allen Punkten einbringen. Hierbei wäre zu klären, wie lange ein mögliches Mietverhältnis aufrecht bleiben kann und bei Hauskauf, wer was zahlt und wem es dann gesetzlich gehört, bzw. was passiert, wenn jemand die Gemeinschaft verlässt.

ad3) diese Möglichkeit setzt eine Menge Geld vorraus. Ein Grundstück gemeinsam zu kaufen und dann kleine Modulhäuser darauf zu stellen, beispielsweise diese Ökohäuser, damit jedeR seinen/ihren eigenen privaten Bereich hat, finde ich ganz schön. Es müsste allerdings auch Gemeinschaftsräume geben und der Grund müsste sehr groß sein, was sich ohne einen großzügigen Sponsor schwer realisieren lässt. Das gute an den Modulhäusern ist, dass man sie ‚einfach‘ wieder abbauen und wo anders aufbauen kann.

Ja, das Thema beschäftigt mich derzeit wirklich. So sehr, dass wir über ein Leben in Gemeinschaft schon viel diskutiert, geredet, geplant, geträumt, gefachsimpelt haben. Wenn man uns kennt, könnte man meinen, dass wir sehr sprunghaft sind, da wir erst vor nicht ganz so langer Zeit unseren Traum verwirklicht haben indem wir ein altes Haus gekauft und in mühevoller Arbeit teilsaniert haben. Es wäre womöglich hirnrissig, das alles aufzugeben. Doch das Leben ist ständig im Wandel und manchmal ändern sich die Bedingungen. Wir ändern uns. Manchmal muss man auch loslassen können und sich dem Leben anpassen, nicht nur frei im Geiste, sondern auch frei in seinen Taten sein! Und außerdem ist ja noch nichts entschieden…

Wie ist eure Meinung dazu? Habt ihr Anregungen, Erfahrungen oder wohnt sogar in einer Gemeinschaft? Welche Vor- oder Nachteile könnte es geben?