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Führen alle Wege nach Rom?

Vor kurzem wurde ich von einer Freundin zu einem Wochenend-Workshop eingeladen. Online würde man da an einer Veranstaltung eines indischen Meisters teilnehmen.

„Manifest Your Reality“ – Life Changing and Reality Bending 2-Day Workshop – Learn to create whatever you want in your life: wealth, health, relationships and even spiritual enlightenment …

 Holla die Waldfee – kann ich da nur sagen. Wie sage ich da höflich ab? „Sei nicht bös“, sagte ich, „aber das ist nicht mein Weg.“ „Aber ich bin doch nicht böse. Ist doch ok. Alle Wege führen letztlich zum gleichen Ziel“ sagte sie.

Ist das so? Führen alle spirituellen Wege am Ende zum Erwachen?
Den Eindruck hab ich nicht. Ganz sicher nicht, wenn ich obige Ankündigung lese.

Was bedeutet Erwachen, Erleuchtung, Befreiung eigentlich?
Soweit man darüber sprechen kann, vor allem als jemand, der das von sich noch nicht behaupten kann, würde ich sagen: Erwachen bedeutet frei zu sein von jeglicher Verwirrung oder Zweifel über deine wahre Natur. Nicht als intellektuelle Überzeugung sondern als Erleben/Erkennen. Und das ist es schon. Klingt nicht sehr spektakulär, oder?

In der Tradition in der ich mich zu Hause fühle (Advaita), würde man auch sagen, das eigene wahre Selbst erkennen und durchschauen, dass das wofür man sich sein Leben lang gehalten hat, das Ego/die Person nur eine Illusion, eine Geschichte ist. Gefragt, wer man sei, ist die übliche Antwort ein Name, Werdegang, ein Beruf, Hobbys etc. Wir sind es gewohnt uns mit diesen Dingen zu identifizieren und sie als „Ich“ zu bezeichnen. Aber all das bildet nur die Person (lat. Maske – da steckt es ja eh schon) und so laufen wir fast zeitlebens mit einem falschen Bild von uns herum.

Seh ich mir obige Ankündigung an, dann führt all das, was hier angepriesen wird, sicherlich nicht zur Erkenntnis des Selbst sondern im Gegenteil bläht sich das Ego dabei auf.

Das Selbst will nichts, braucht nichts, ist vollkommen und vollständig und zugleich Nichts und Niemand. Das Ego will ein besonderer Jemand sein. Will Reichtum, Liebe, ein geöffnetes drittes Auge oder was auch sonst manche Workshops anpreisen.

Nicht alle Wege führen nach Rom, manche auch nur nach Gramatneusiedl.

Einsicht am WC

Keine Ahnung, ob das schon mal jemand so in Worte gefasst hat:

Auch Buddha wischte sich nach dem Scheißen den Arsch ab.

Eigentlich ist damit alles gesagt, aber nachdem Cao von dieser Einsicht nicht so berauscht wirkt, wie ich mich gerade fühle, denke ich, dass ein paar Worte mehr nicht schaden können.

Ich lese gerade eine deutsche Übersetzung des biographischen Romans Buddha von Deepak Chopra. Nun vielleicht ist bei der Übersetzung etwas schief gegangen, aber im wesentlichen gefällt mir das Buch nicht. Aber natürlich werden auch einige wichtige Aspekte wiederholt.

Ich möchte das Erwachen – oder in unserem Kulturkreis spricht man meist von Erleuchtung – nicht geringschätzen, sondern vielmehr die vorhandene Gemeinsamkeit betonen. Obwohl Siddharta Gautama zu seiner Zeit bestimmt andere sanitäre Gepflogenheiten hatte als wir hier heute, so hatte sein Körper nach seiner lebensverändernden Erfahrung noch immer diesselben körperlichen Prozesse durchzuführen, welche teilweise ein gewisses Maß an Hygiene bedarf.

Das große Erwachen verstehe ich als einen inneren Wandel. Und die Einsicht, dass ein innerer Wandel keine äußere Änderung bedingt, fühlt sich irgendwie  … erleichternd an … irgendwie so verbunden. 

Da fehlt mir jetzt das richtige Wort, also Ende.

Ein Idee der Erleuchtung

Wir erfahren eine andere Person nicht als eine Art Mauer, gegen die wir stoßen, und wir erfahren uns nicht mehr als eine getrennte, widerstreitende feste Kraft. Wir erfahren andere auf eine völlig andere Art und Weise. Sie werden durchscheinend oder durchsichtig, da unser Wille nicht mehr auf ihren prallt. Wenn man diese völlig andere, entspanntere, leichtere und freiere Haltung ins Unendliche steigert, erhält man eine ungefähre Idee, was Erleuchtumg eigentlich ist. Die Welt ist die gleiche, aber wir nehmen sie anders wahr. Vielleicht könnte man es mit Verliebtsein vergleichen, nur noch viel intensiver. Auch wenn alles wie zuvor ist, sieht die Welt fast körperlich anders aus.

"Herz und Geist verstehen, Psychologische Grundlagen buddhistischer Ethik", S. 78ff, Sangharakshita, 1998, do evolution Verlag

Ein Vorbild der Erleuchtung

Noch immer verschlinge ich die Seiten des Buches: „Neue Stimme einer alten Tradition, Sangharakshitas Darlegung des buddhistischen Weges“ von Subhuti, wie in dem Beitrag Buddhas verlorener Weg erwähnt. Und wieder folge ich meinem Herzen und berichte euch über einen Teil des Inhalts, der mich sehr berührt.

Rückblende: Nach dem Jahreswechsel organisierten wir mit der Dharma Gruppe ein Samatha Retreat. Dabei sprachen wir auch über die tibetischen Gottheiten die für Visualisierungsmeditationen verwendet werden. Diejenigen von uns, deren Erziehung von christlichen Elementen durchzogen ist, stoßen üblicherweise auf ein paar geistige Abneigungen, wenn es um dieses Thema geht. Meinem Gefühl nach dauert es eine Weile bis man auch emotional verstanden hat, dass die tibetischen Gottheiten als Darstellungen bestimmter verwirklichter Eigenschaften dienen. Die Symbolik, die in diesen Bildern steckt, ist sehr ausgefeilt und mag für manche durchaus spannend und inspirierend sein. Ich kann leider nicht allzuviel damit anfangen, vermutlich weil mir die nötigen Assoziationen fehlen.

Lovelock mit einem Buddha auf der Grazer Hauptbrücke.

Sangharakshita empfiehlt mir in dem Buch, diese Vorbilder nicht in meiner Meditationspraxis zu verwenden, sondern stattdessen vorhandene Assoziationen zu nutzen. Je intensiver wir uns mit dem historischen Buddha und seiner Lehre befassen, desto konkreter formt sich ein Bild in unserem Kopf. Das muss nicht unbedingt visueller Natur sein, aber kann sich in allerlei visuellen Darstellungen finden lassen, je nach Geschmack und Erfahrung.

Als ich das gelesen hatte, musste ich sofort an meinen Garten denken. Zum Winkelbauer gehört, für meine Verhältnisse, eine große Fläche Streuobstwiese die zumindest jährlich gemäht werden muss. Und weil wir mit möglichst wenigen Hilfsmittel zu leben versuchen, haben wir uns dafür eine Sense besorgt. Wenn ich ab und zu Zeit in der Wiese verbringe und mit der Sense ein paar Grashalme bearbeite, dann lasse ich instinktiv jeden Farn den ich wahrnehme stehen. Ich kann es mir nicht wirklich erklären, warum ich diese Pflanzen nicht gekürzt sehen möchte, aber es ist mir fast keine Mühe zu groß, um sie möglichst unversehrt stehen zu lassen.

Ich habe keine Ahnung, ob das in irgendeiner Weise nachvollziehbar ist, aber diese Pflanze erwecken einen Schimmer von Erleuchtung bei mir. Eine urtümliche Gestalt wie sie seit über Jahrmillionen unverändert an Orten aufgehen die nicht zu sonnig, aber auch nicht zu dunkel, nicht zu trocken aber auch nicht zu nass sind. Kein weiterer Fortschritt ist erforderlich. Das pflanzliche Äquivalent zum Ziel mittleren Weges.

Wenn ich mal in der Meditation soweit bin, dass ich mit Visualisierungen arbeite, dann denke ich wäre mir diese Assoziation ein guter Anfang.