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Der 1,630,001. Festivalguide

Es ist 2016. Ich schreibe diesen Artikel in einer objektiv sicheren Zeit – IRA, ETA, RAF, Breivik, … all das ist Geschichte; doch das medial erzeugte subjektive Unsicherheitsgefühl könnte kaum größer sein. Mit Ignoranz gegenüber der hohen Unwahrscheinlichkeit, Opfer eines terroristischen Akts zu werden, fürchten wir uns vor potentiellen Terroristen; so wie wir uns trotz der hohen Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verkehrsunfalles werden zu können, furchtlos ins Auto setzen.

Was ist nun mit den wenigen furchtlosen, mit den reisefreudigen, was bieten Ihnen die Medien?
Google liefert beispielsweise 1,630,000 Ergebnisse zum Suchbegriff ‚Festivalguide‘. Anscheinend kommt die organisierte, temporäre Zerstreuung beim Volk gut an – dass dabei der Überblick nicht verloren geht, habe auch ich mich entschlossen, nun den 1,630,001. Festivalguide zu schreiben.

Einige der folgenden Veranstaltungen hab ich selbst besucht und kann mich somit noch an manches erinnern, bei anderen vertraue ich der Gerüchteküche:

Partycipation
Wo? Im wunderschönen Wald- und Wiesengelände des Co-Housing Projektes Lebensraum, hinter der Ökosiedlung Gärtnerhof.

Was? 17.-21. Juli: Camp mit den Workshops: “Theater, Musik, Körper”, “Selbstversorgung”, “Green Building”, “Arts & Crafts” und “Persönlichkeit, Gemeinschaft und Gesellschaft”.
21.-24. Juli: Festival: Beim Partycipation Festival tauchen wir in eine bunte selbstgestaltete Wunderwelt ein. Hier geht’s um getanzte Lebensfreude, bewusstes Genießen und gemeinsames Feiern. Es gibt zwei Bühnen mit Musik, bunte Spiele & Workshops, Showbarkeeping, köstlichen Cocktails, Chai & Wasserbar, leckerem Essen und vielem mehr.

Wer? Menschen

Warum? Wegen der relaxed-inspirierenden Atmosphäre, wegen der Zirkuswiese, dem Nebelwald, dem Chai-Zelt, … weil man überall schlafen kann ohne zertreten oder sonstwas zu werden. Weil sich sogar Menschen darüber Gedanken machen, ob sie wohl nicht zu laut gesprochen hätten, als ich am Vormittag am Lagerfeuer schlief, und ob sie mich denn aufgeweckt hätten! Weil die Partyzipanten sehr rücksichtsvoll, verständisvoll und hilfsbereit sind.

Ich hatte ein längeres Gespräch am Lagerfeuer. Hab viel zugehört, manchmal was gesagt… Dabei erfuhr ich einiges über andere Festivals (Nova Rock, Frequency) – beispielsweise, dass es dort keine Lagerfeuergespräche gäbe, bei denen man sich vorher fremden Menschen in einer vertrauens- und liebevollen Atmosphäre öffnen kann.
Workshops über Gemeinwohlökonomie, Rohkost-Kuchen-machen, DIY, u.a. bedeuteten für mich keinen Wendepunkt, jedoch einen Motivationsschub, meine ‚da sollte man doch was machen‘ – Gedanken in einen ‚ich mach da jetzt etwas!‘ – Vorsatz zu verwandeln.
Meine ganz persönliche Motivation, zum Partycipation zu fahren, war jedoch die Band Maja. Am Samstag hörte ich sie zum ersten mal live, supportete sie fleißig tanzend, und wollte auch die neue CD kaufen, wurde aber irgendwie abgelenkt, … aber das ist eine andere Geschichte.

Salzburger Festspiele – Salzburg Festival
Wo? Salzburg
Wann? Jul 22 – Aug 31, 2016
Wer? High Society, Klassikliebhaber
Was? Klassik
Warum? Weil das Public Viewing (Festspielnächte) am Kapitelplatz Aufzeichnungen der besten Festspielbeiträge (Jedermann, Zauberflöte, Don Giovanni, …) bei freiem Eintritt bietet!

European Rainbow Gathering 2016
Ja, es gibt sie noch. Menschen, wie es sie immer schon gab; oder zumindest spätestens seit der Industriellen Revolution gibt; Menschen, die der Entfremdung von der Natur trotzen; Menschen die am Monte Veritá leben, sich am Hohen Meißner versammeln, die in Woodstock waren, Menschen, die dem ‚Babylon System‘ entkommen wollen und für ein paar Tage oder den ganzen Sommer in den Wald gehen. Die in den Wald gehen, um in einer ursprünglichen Umgebung zu leben, um dort das Leben zu feiern, um zu singen, um zu tanzen – um einfach Mensch zu sein.
welcome home – we love you

Suchend begann das European Rainbow Gathering 2016. Am ursprünglich gescouteten Platz in Wildalpen, wahrlich ein magisch schöner Platz, wollten die Behörden sowas nicht tolerieren. Schlafen im Wald, ein Hippietreffen mitten in der Natur, ohne Eintrittskarten, ohne formale Organisationsstruktur – sowas geht in Österreich nicht.
Nun könnten Analogien konstruiert werden zu einer Zeit, in der viele auf der Suche sind nach Heimat, Sicherheit, Sinn, …
Später konnte eine neue Location gefunden werden, der Bauer hatte bereits das Vieh von der Weide getrieben und freute sich, die Rainbow Family mit Obst und Gemüse versorgen zu dürfen, doch das Stift Admont, die Gutsherren, tolerieren das Gathering auf ihren Ländereien nicht und ließen die Alm von der Polizei räumen [hier].
Nun warten die Familien, zerstreut in der Steiermark und Oberösterreich, bis Scouts einen geeigneten Platz gefunden haben.
Die Full Moon Celebration wird in der Nacht von 17. auf 18. August stattfinden, doch wo?

Peal
Wo? An der Südsteirischen Weinstrasse
Wann? 9.-10. September 2016
Wer? Grazer und deren Freunde

Was? Hervorragende Sanitäranlagen; ein hügeliges, also 3-dimensionales Festivalgelände mit Tanzwiese, Upcycling Workshop, Trommel Workshop, Essen, Wasser-Bar, Marktplatz, Attwenger, Skero & DJ Chrisfader, Vento Sul, Feuerstellen, Zirkuswiese, Schwitzhütte, Badeteich; aber es gab niemals eine Waldbühne 😉

Warum? Weil es am letzten Ferienwochenende stattfindet!
Weil im Herbst nochmal alle zusammenkommen.
Weil am Peal die ‚heile Welt‘ zelebriert wird, bevor am Montag die Schule beginnt.

Heartculture
Wo?      Südoststeiermark
Wann? 12.-13. Aug. 2016
Wer?     Toe, Cao, und jeder, der die unverkrampfte Atmosphäre liebt.
Was?     das nur 2-tägige Festival bietet ein sehr umfangreiches Programm mit Musik (dub, ethno, psy, world music, …) & Workshops (mit viel Yoga)
Warum? ich möchte dieses Festival besuchen, weil ich viel positives davon gehört habe; weil im südoststeirischen Sommer, im Geiste der Herzenskultur, ein Fest gefeiert wird, eh nur 2 Tage, ein Fest, welches die Alltagssorgen vergessen läßt, ein Fest, das zum Tanzen, Lachen, Mitmachen einlädt.

Liebe Leserin, Lieber Leser,
dieser Festival Guide erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Google liefert eh 1,630,000 diesbezügliche Ergebnisse.
Aber sicher kennst auch du Festivals, von eigenen Besuchen oder vom hören-sagen. Wir würden uns freuen, eure Empfehlungen in den Kommentaren zu lesen.

Das Pealfestival

Jedes Jahr Anfang September findet in der wunderschönen Südsteiermark, nur zwei Ortschaften von unserem Wahlheimatort entfernt, das Pealfestival statt.

Schon als wir noch sporadisch die Steiermark zwecks Sanierung unseres jetzigen Hauses besuchten, wurden wir auf dieses Festival aufmerksam. Das freute uns umso mehr, da wir in Niederösterreich das alternative und ökologisch ausgerichtete Partycipationfestival quasi zurücklassen mussten.

Das Pealfestival entstand, so weiß ich zumindest vom Hörensagen, schon vor vielen Jahren als privates, kleines Fest. Ob es schon damals am Gelände des Route 69, einem bekannten Bikerlokal in Leutschach, stattfand, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls dürften diese Feste immer sehr gemütlich gewesen sein, denn es entstand die Idee, ein Festival daraus zu machen. Wurde es in den ersten Jahren noch von den Betreibern, einer Gruppe junger, motivierter und engagierter Menschen, zur Gänze auf eingenes Risiko vorfinanziert, steht jetzt Crowdfunding im Mittelpunkt der Finanzierung. Die Betreiber verkaufen Eintrittskarten im Vorhinein übers Internet und rufen zu Spenden auf. Erst wenn ein gewisser Betrag an Geld erreicht wurde, kann das Festival stattfinden.

Das Pealfestival ist im Vergleich zu anderen Festivals eher klein. Sowohl die Fläche, auf der es stattfindet, als auch die Besucherzahl – laut einer Lokalzeitung waren es letztes Jahr um die 700 Besucher.
Ich finde das ist auch gut so, denn im Mittelpunkt des Festivals stehen nicht nur Spaß und gute Musik, sondern die Menschen und die Gemeinschaft. Es werden unter anderem verschieden Workshops, wie zum Beispiel Yoga, Schwitzhütte, Jonglierworkshop, Feuerspiele, Slackline, Kinderschminken usw. angeboten. Außerdem gibt es größtenteils vegetarisch/vegane Verköstigung, die teilweise auch biologisch und regional ist. Wer sich ein Andenken kaufen möchte, kann dies auf einem der vielen Stände mit alternativer Bekleidung, Schmuck, Tüchern, usw. machen.
Neben der Hauptbühne, die den ganzen Nachmittag bis in die Nacht bespielt wird, gibt es noch den „Kornspeicher“, wo es ab Mitternacht elektronische Musik von DJs zu hören gibt.
Zum Chillen zwischendurch kann man sich ins Chai-Zelt begeben, wo man neben köstlichen Heißgetränken eine gemütliche Pause auf selbstgebauten Sofas oder Decken einlegen kann. Außerdem hat man die Möglichkeit, wenn es abends schon etwas kälter wird, sich am schöne Lagerfeuer aufzuwärmen und neben netten Lagerfeuergesprächen kommt es schon mal vor, dass jemand die Gitarre auspackt und keine zehn Minuten später wird dazu auch schon wild getrommelt und laut gesungen.

Die Besucher des Festivals sind bunt gemischt, Jung und Alt tanzen nebeneinander, chillen oder spielen gemeinsam auf der Wiese. Es gibt viele kleine Kinder, die dem Nachmittag eine besondere Atmosphäre geben. Im Allgemeinen würde ich sagen, dass viele Leute, welche landläufig als „alternativ“ bezeichnet werden, das Festival besuchen.
Die Zielgruppe sind aber eigentlich alle, die gerne eine schöne Zeit mit anderen Menschen verbringen. Und genau das ist es auch, was diese Festival für mich so besonders macht. Es geht nicht nur ums Party machen, es geht um etwas Gemeinsames, um Partycipation und um ein schön gestaltetes Festival, das jenseits von Komasaufen und zurückgelassenen Müllbergen liegt.

Wer noch mehr Einblick in das Pealfestival haben möchte, hier die Impressionen vom Pealfestival 2014:

und vom Pealfestival 2013: