Wie schwer wir es doch haben

Vor kurzem stand wiedermal ein Besuch bei unserer Nachbarin an. Da wir auf dem Land auf einem kleinen Berg wohnen, ist unsere Nachbarin nicht direkt nebenan, sondern man muss einige Minuten gehen, bis man bei ihrem Haus ist und wir sehen uns in eher sporadischen Abständen.

Jedenfalls habe ich unser Hörnchen in die recht neue Mei Tai gebunden und bin losmaschiert. Bei der Nachbarin angekommen, musste sie natürlich gleich das Baby nehmen und stellte wiedermal fest, dass es schon groß und schwer geworden ist. Erstaunt und ganz ernst gemeint lobte sie mich, wie stark ich doch sei, da ich das Baby mit dem Alter und Gewicht ’noch‘ trage und bewunderte mich, weil ich ja seit 7 Monaten ’schon‘ stille. Ich muss dazu sagen, sie ist eher vom „alten Schlag“ und obwohl sie ein total herzlicher Mensch ist, kann sie mit unseren modernen Ansichten oft nichts anfangen, da man es früher, und vor allem hier auf dem Land teilweise noch heute, anders gemacht hat.

Wieder zu Hause musste ich unweigerlich noch mal an diese Sätze denken und fragte mich selbst, ob es eine besonders lobenswerte Tatsache sei, dass ich unser Hörnchen trage und stille. Und ich kam schnell zur Antwort: nein! Es ist einfach das Normalste der Welt. Außerdem, wenn man sich andere Teile der Welt anschaut, werden auch dort die Kinder getragen und gestillt. Da gibt es kein „das Baby ist zu schwer ich fahr lieber mit einem stylischen Kinderwagen herum“ oder „ich brauche mehr Zeit für mich, deswegen stille ich ab“. WIR haben es nicht schwer. Wir haben so gut wie alles, müssen uns wenig bis keine Gedanken ums tägliche Überleben machen. Wir sind nicht gezwungen, das Baby auf dem Feld zu gebären, dann in ein Tuch zu packen und weiter zu arbeiten. Wir haben keine Sorgen, was wir dem Baby zu essen geben, wenn es nicht mehr gestillt wird/werden kann. Nein, ich bin nicht zu bewundern. Ich habe den ganzen Tag nichts zu tun als Mutter zu sein und mich um mein Baby zu kümmern. Keine existenziellen Ängste plagen mich, denn mein Mann geht arbeiten und dank dem Sozialstaat kann ich einfach zu Hause bleiben. All die anderen Sorgen sind meist selbstgemacht – Haushalt, Aussehen, Gebrauchsgegenstände, Ansehen usw. Also warum sollte ich stolz oder ähnliches darauf sein, auf die natürlichen Bedürfnisse meines Kindes eingehen zu können, wenn ich den lieben langen Tag sonst eh nichts wirklich Wichtiges zu tun habe? Das soll jetzt auf keinen Fall heißen, dass der Fulltimejob ‚Mutter‘ ja so einfach ist und ich niemals gestresst, erschöpft, müde, genervt oder was auch immer bin. Jede Mutter, nein sogar jedes Elternteil hat mit der Geburt des Kindes wohl eine der anstrengendsten Phasen ihres/seines Lebens unmittelbar vor sich. Dennoch sollten wir uns zumindest ab und zu darauf besinnen, dass es sehr vielen Menschen auf dieser Welt sehr viel schlechter geht als uns. Und dass vielleicht nicht alles, was wir machen, so herausragend ist, wie wir denken, sondern ganz normal.

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6 Kommentare zu “Wie schwer wir es doch haben”

  1. Ich urteile nicht – auch wenn ich manche Dinge absichtlich überspitzt formuliere. Ich habe eher das Gefühl, dass über mich geurteilt wird, nur weil ich etwas total Natürliches mache, das in unserer Gesellschaft schon abhanden gekommen ist. Wenn eine Mutter nicht Tragen/Stillen kann oder will, ist das ihre Entscheidung und ich weiß ja die Beweggründe meist nicht.
    Aber wenn ich Trage und Stille und es mir und dem Baby sehr gut dabei geht, sehe ich nicht ein, warum ich mich dafür rechtferigen muss. Denn es ist von Natur aus keine besonders außergewöhnliche Leistung, das wollte ich nur betonen…
    Es ist doch schlimm, dass sogar Hebammen und ein Großteil der Leute meinen, Tragen und langes Stillen sei ungesund und unnatürlich. Hat uns auch eine Physiotherapuetin gesagt, dass ein Tragetuch für Babies nicht geeignet ist, da sie den Kopf noch nicht halten können?!?! 🤔
    Naja, das sind halt Themen, die immer wieder auf Widerstände treffen…
    Alles Liebe cao

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  2. Ich bewundere und beneide euch Mütter, die ihre Kinder über Monate tragen können. Ich hatte das auch vor, aber als mein Sohn sechs Monate alt war, mußte ich das Tragen aufgrund massiver Rückenschmerzen und beschädigter Wirbel aufgeben. Meine Tochter konnte ich nach der Geburt schon nicht tragen, obwohl sie nicht mal 3 Kilo wog. Urteilt also nicht zu hart über Mütter, die nicht tragen. Ja, viele machen sich keine Gedanken darüber, ob das Tragetuch für ihr Kind besser wäre, aber manche Mütter können das Gewicht auch wirklich nicht stemmen. Und etwas anderes ist auch zu beachten: es gibt Hebammen, die vom Tragen massiv abraten. meine zum Beispiel. Sie hat mir nie verziehen, dass ich mir ein Tragetuch besorgt habe. Zum Glück wird die Aufklärung da besser.

    Was das Stillen angeht: Ich habe meinen Sohn 17 Monate gestillt, er hat sich eine Woche vor der Geburt meiner Tochter selbst abgestillt. Ich habe unzählige Male gehört, das sei gefährlich für mich und das ungeborene Kind (ist es nachgewiesener Weise nicht und wird ja auch in vielen Ländern praktiziert). Immer wieder kam auch, warum ich mir das antun würde (Weil ich mir nicht antun wollte, ihn abzustillen. Das wäre nämlich Stress gewesen und mir hätte das Stillen unheimlich gefehlt. Ihm auch.). Meine Tochter ist jetzt 15 Monate und ich werde immer wieder verwundert gefragt, warum ich noch stille. Ganz einfach: Sie genießt es, ich genieße es und die WHO ist der Meinung, zwei Jahre Stillen sei nun mal gut für das Kind. Und die Zeit für’s Stillen nehme ich mir gerne. Fast immer und überall.

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  3. Hihi, die Sprüche kenne ich. Ich bekomme morgens, wenn wir zur Krippe fahren dauernd einen Platz angeboten, hab das Hexlein ja immer im Sling. Das wäre doch sicher recht schwer. Ich sage dann immer, ich trage sie seit Geburt, da gewöhnt man sich an das langsam steigende Gewicht. Dann kommt immer ein ganz fasziniertes Nicken.
    Die natürlichen Bedürfnisse eines Babies oder Kleinkindes kennen viele nicht mehr, gerade den Älteren fehlt es da einfach an der eigenen Erfahrung.

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