Total Breakdown

Vor einigen Wochen hätte eine Zeit der Entspannung, Ruhe und Flucht aus dem Alltag werden sollen. Seit längerem schon verspüre ich eine unterschwellige Unzufriedenheit, denn unser Kind hat kein einfaches Temperament und sowohl ich, als auch toe, kommen gerade viel zu kurz. Eigentlich möchte ich gar nicht viel darüber schreiben, unser Hörnchen in irgendwelche Schubladen stecken oder anderweitig kategorisieren. Jedes Kind ist so wie es ist – und das ist auch gut so. Und wahrscheinlich ist jedes Kind mal mehr und mal weniger anstrengend. Wir hatten jedenfalls keines dieser ‚Anfängerbabys‘ und auch als Kleinkind sehe ich Unterschiede. Und ja, auch das ist normal, aber wenn der Großteil anders ist als unser Kind, sticht es nunmal raus. Ohne zu bewerten ob diese ‚Andersartigkeit‘ nun gut oder schlecht ist, existiert sie dennoch und bringt uns in unserem alltäglichen Leben sehr oft an unsere Grenzen.

So kam es, dass aus der so dringend benötigten Zeit der Entspannung, Ruhe und Flucht eher das Gegenteil wurde. Unser Kind war zwei Tage zuvor nämlich fiebrig und hatte scheinbar auch bei Sonnenschein und Meer innerlich noch stark mit etwas zu kämpfen. Der gemeinsame Urlaub wurde zu einer nicht aufhören wollenden Aneinanderreihung von Unzufriedenheit und Wutanfällen, welche in einer Art Zusammenbruch endete. Das klingt wahrscheinlich verwirrend, denn das war es auch. Wir alle drei haben uns verausgabt, haben uns gehen und alles raus gelassen. Es gab nicht nur Geschrei, es gab auch viele Tränen. Schön war das nicht, dennoch kann ich sagen, dass es auf irgendeine Weise gut getan hat. Ich stand nicht nur an meinen persönlichen Grenzen, nein sie wurden auch überschritten, was mich äußerst verletzlich gemacht hat.

Nach dieser Reise stiegen in mir eine Reihe von Fragen auf. Fragen der eigenen Stärken und Schwächen, Fragen über mein Verhalten und meine Verhaltensmuster, Fragen über meine Werte…

Niemals hätte ich gedacht, dass mich das Zusammenleben und das Begleiten meines Kindes so sehr an meine Grenzen bringt! Und damit meine ich nicht, dass die Versorgung oder der Umgang mit dem Zwergal sich als schwieriger herausstellte, als ich es von anderen kenne und ich es daher auch für unser Kind anders erwartet hatte. Nein, es bringt mich an die Grenzen meiner Selbst. Ich werde täglich mehrmals mit mir selbst konfrontiert, mit meinem inneren Kind, und habe dabei das Gefühl, dass diese Herausforderung eine vielfach größere ist, als ich es in meinem bisherigen Leben anderswo empfunden habe. In meinem Alltag stoße ich auf Fragen, wer ich bin und wer ich überhaupt sein möchte, es überkommen mich (affektive) Gefühle, die mir in dem Ausmaß neu sind, ich lerne und erkenne langsam, wie ich mich verhalte und versuche zu erkennen, warum ich das tue. Es ist ähnlich, wie vor ein paar Jahren, als ich mich täglich mit dem Buddhismus und Meditation beschäftigt habe, nur ist es diesmal konfrontativer und scheint unausweichlich.

Dieses Auseinandersetzen mit mir selbst habe ich in dieser Intensität nicht erwartet!

Jedes Mal, wenn Sie mit Ihrem Kind einen Konflikt haben oder wenn Sie sich verzweifelt und hilflos fühlen, ist das eine Gelegenheit, das für Ihr inneres Kind zu tun, was Ihre Eltern nicht tun konnten.

Jesper Juul, „Leitwölfe sein“, Seite 58.

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12 Kommentare zu „Total Breakdown“

  1. Vielen Dank!
    Ja dieser Ansatz klingt interessant und für mich auch nachvollziehbar. Werde mich mal zu Robert Betz belesen.
    Für mich ist das interessanteste, dass ich im alltäglichen Leben mit Kind so viel sehe, an dem ich noch zu arbeiten habe, was ich früher, als ich „nur“ meditiert und mich mit dem Buddhismus auseinandergesetzt habe nicht so gesehen habe – da war alles ‚harmonischer‘ und einfach. Sich hinzusetzen, Ruhe zu finden und seine Gedanken zu beobachten ist für mich wesentlich leichter, als das, womit mich unser Kind täglich konfrontiert 😉

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  2. Das abschließende Zitat liefert eine gute Lösungsmöglichkeit. Der Ansatz von Robert Betz gefällt mir in diesem Zusammenhang sehr gut. Er sagt, dass das Kind, quasi der Spiegel Deiner Selbst ist, und alle Themen spiegelt, die für Dich Lernfelder darstellen. Wenn das Kind also oft wütend ist, könnte man sich fragen, ob man selbst seine Wut unterdrückt und das Kind es deshalb auslebt. Das ihr da an Eure Grenzen geratet, kann ich gut nachvollziehen. Gleichfalls ist aber auch sehr spannend und aufregend zu erfahren, an was man noch zu arbeiten hat. Ich drücke Euch die Daumen und wünsche alles Gute.

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  3. Ich verstehe deine Sichtweise gut. Da ich auch Kinder habe hat sich die Aussage in meinem Kommentar bestätigt und ja, manchmal (manchmal auch öfter) ist man einfach nur müde und überfordert. Ich lerne auch immer wieder meine Grenzen kennen und sie zu akzeptieren dauert manchmal und bedarf auch der Einsicht. Das ist für mich ein Aspekt gelebter Achtsamkeit im Alltag 🙂

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  4. Um ehrlich zu sein habe ich den Gedanken oder Wunsch, dass unser Kind „wie die anderen“ sein soll, selten bis gar nicht. Natürlich wäre es in einigen Situationen einfacher… Ich denke, es ist auch ein Mischung daraus, dass unser Kind etwas ‚anders‘ ist und daraus, wie wir damit umgehen – nämlich auch anders, als die „breite Masse der Gesellschaft“ es tun würde. Natürlich ist das irrelevant. Im Endeffekt ist wichtig, was ich (und mein Mann) aus diesen Erfahrungen alles mitnehmen können!

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  5. Ja, diese Einstellung hatte ich auch schon vor unserem Kind, wir haben uns daher auch viel mit Buddhismus im Alltag beschäftigt. Allerdings war mir wiegesagt nicht bewusst, dass ein Kind mich mit so viel konfrontieren würde 🙂

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  6. Ich denke, dass es nicht un-menschlich ist, dass Eltern ihre Kinder für Momente hassen. Das muss dann auch sein dürfen, zumindest vor sich selbst.
    Ob das Kind anders als Andere ist oder nicht ist eigentlich völlig unwesentlich. Oder genauer: Wenn das Kind schwierig ist, ist es natürlich, zu wünschen, dass es wie „die Andren“ sei. Das ist aber noch keine Ablehnung des Kindes und seiner Art, sondern nur eine Reaktion des Geistes, der nach einem Ausweg aus einer Zwangslage sucht.
    Nur so ein Gedanke zum Thema Spannungsabbau, vielleicht brauchbar, vielleicht nicht: Es gibt ja die „dynamische Meditation“, bei der Gefühlsausdruck als eine von 5 Phasen integriert ist.
    So, genug geblubbert.

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  7. Das eigene Kind (und auch alle anderen Menschen denen wir begegnen und die uns fordern) als Meister wahrzunehmen ist eine innere Haltung die zu tiefen Erkenntnissen führen kann, denn Erleuchtung findet man nicht nur im Tempel 😉 Weiter so 🙂

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  8. … ihr macht das schon! besser ist es sicher sich vor dem Urlaub schon sanft zu „entladen“ … kostet ja auch Geld und es ist schade wenn in der hart erkämpften gemeinsamen Zeit keine Harmonie blühen darf … Alles Liebe!

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  9. Unser Zwerg ist etwas über 2 Jahre alt.
    Es ist ja nicht so, dass das Kind ständig unzufrieden wäre. Ich glaube das ist in dem Beitrag wohl falsch rüber gekommen?! Aber in diesem Urlaub war es halt einfach für uns alle zu viel…

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  10. ich weiß ja nicht wie alt euer Zwerg ist aber oft hilft es das Kind bewusst zu beobachten. Was macht euer Zwerg mit seiner Phanstasie – wie drückt sich die aus? in welchen Momenten ist euer Zwerg konzentriert und zufrieden? Das sollte dann gefördert werden … vl. ist es zeichnen, musik, die natur, lesen, tiere, je nachdem …

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  11. Unser Kind spürt unsere Unzufriedenheit sicher! Eine Ablehnung gegen das „Anderssein“ direkt habe ich absolut nicht, denn ich denke jedes Kind ist total ok so wie es ist. Was mir da eher zu schaffen macht ist, dass es in unserem Bekanntenkreis usw. niemanden gibt, der unsere Sitaution nachvollziehen kann – ich glaube es würde einfach so gut tun, mit jemanden zu reden, dem es ähnlich geht.

    Die aufgestaute Anspannung sollte sich in unserem Urlaub ja lösen – nur auf eine andere Art als es tatsächlich passierte.
    Ein tägliches Ritual oder dgl haben wir nicht, wir sind aber gerade dabei, unsere derzeitige Situation zu verändern…

    Wie ist das mit dem Raum um sich auszudrücken gemeint?

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  12. … vielleicht spürt oder fühlt euer Hörnchen die Unzufriedenheit die ihr als Eltern in euch tragt und die unbewusste Ablehnung (gegen das eventuelle „anders sein“)? vl. benötigt euer Hörnchen einen größeren oder anderen „Raum“ um sich „auszudrücken“? Wenn sich Emotionen nicht kontrollierbar entladen ist das ein eindeutiger Hinweis auf extrem aufgestaute Anspannung. Habt ihr als Eltern einen Trick oder ein kurzes, kleines Ritual, dass ihr im Alltag integrieren könnt um die Anspannung bei euch selbst etwas zu entladen?

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